Weitere Theorie für Mord an Polizistin in Heilbronn

Polizistenmord
Heilbronn - Der mörderische Anschlag der Thüringer Terrorgruppe auf zwei Polizisten in Heilbronn könnte nach Informationen des Tagesspiegels (Freitagausgabe) einen anderen Hintergrund haben als bislang bekannt.

Es sei zu vermuten, dass Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt im April 2007 die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen und ihren Kollegen Martin A. schwer verletzten, um einen Feldzug gegen Repräsentanten des Staates zu beginnen, heißt es in Sicherheitskreisen.

Neu ist diese Theorie keineswegs. Bereits im April 2007, nur einen Tag nach der Bluttat auf der Theresienwiese, hatte der damalige Ministerpräsident Günther Oettinger von einem „Racheakt gegen die Landespolizei“ gesprochen. Man müsse möglicherweise von einer Tat ausgehen, die mit der Stadt Heilbronn nichts zu tun habe.

Kritik an Oettinger wegen seines schnellen Vorpreschens mit der Racheakt-These kam auf. Heilbronns Polizeichef Roland Eisele sagte damals auf Stimme-Anfrage, es gebe bisher keine Spuren oder Hinweise auf einen Racheakt. Ausschließen könne man diesen aber auch nicht.

 

Fahnder setzten auf Hypnose

Bereits Anfang Februar hat das LKA den Einsatz von Hypnose beim Versuch der Aufklärung des Heilbronner Polizistenmords bestätigt. Der niedergeschossene Streifenkollege der getöteten Beamtin habe sich einer solchen Befragung auf freiwilliger Basis unterzogen, hieß es.

Nach Recherchen des "Focus" belegen unveröffentlichte Polizeiakten, wie sich die Tat abgespielt haben soll. Martin A., der Kollege der erschossenen Michele Kiesewetter, hatte wie durch ein Wunder einen Kopfschuss überlebt. Rund drei Monate lag er in Spezialkliniken. Wie der "Focus" schreibt, befragten Experten ihn später unter Hypnose.

Nach seiner Erinnerung im April 2008, ein Jahr nach der Tat, habe er bei der Vesperpause im Streifenwagen einen Mann im Rückspiegel gesehen, der sich dem Polizeiauto näherte. Dunkle Jeans, keine Brille, kein Bart, normale Statur, so seine Beschreibung. "Da will jemand eine Auskunft", soll Michele Kiesewetter (22) gesagt haben. Martin A. (24) sah laut "Focus" links zur Fahrerseite, erkannte ein helles Hemd und die Mundpartie eines Mannes. Im selben Moment habe er auf seiner Seite ein Geräusch gehört − mutmaßlich den Kopfschuss gegen ihn − dann sei er aus dem Auto gefallen.

Das Landeskriminalamt bestätigt auf Stimme-Anfrage die Hypnose-Vernehmung. Dies sei auf freiwilliger Basis erfolgt, habe aber "leider nicht zum Durchbruch geführt", sagte Sprecher Horst Haug. Ein Phantombild, das Ermittler nach den vagen Angaben von Martin A. anfertigten, wurde laut "Focus" nie veröffentlicht. Wie die Stimme erfuhr, weil es wie andere Phantombilder auch, die auf Zeugenangaben über einen mutmaßlich Flüchtenden im Wertwiesenpark basierten, absolut nicht zu den jeweils anderen passte.

 

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Von einer möglichen Beziehungstat spricht niemand mehr in Polizeikreisen. Für die Ermittler des Bundeskriminalamts sind die rechtsextremen Mitglieder der Zwickauer Terrorzelle, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die Täter. Dass sie mordeten, weil sie Polizeipistolen erbeuten wollten, hatte die "Süddeutsche Zeitung" ( SZ) zuletzt berichtet. Widerspruch gab es nicht. Zumal die Neonazis Waffennarren waren und ein Arsenal in ihrem Haus horteten. Ein klarer Hinweis ist laut SZ auch eine Computerdatei, die Ermittler in dem Haus fanden. Der Titel: "Dienstpistole".

Vielleicht sei es für die Täter "ein besonderer Kick" gewesen, an Polizeiwaffen zu kommen, sagte ein Ermittler der Stimme. Er geht von einer Zufallstat aus. Die Theresienwiese sei am Tattag durch den Maifest-Aufbau voller Wohnmobile der Schausteller gewesen. Die Täter, ebenfalls im Wohnmobil unterwegs, hätten sich vielleicht dazugestellt und zufällig die Polizisten beobachtet.

Ein Fanal?

Es war die zehnte Tat in der Mordserie der Neonazis, wie ihre Bekenner-DVD belegt. War es nach neun Morden an Migranten für die Terroristen vielleicht eine symbolische Steigerung, ein mögliches Fanal als Endpunkt ihrer Serie?

Warum die Mörder ausgerechnet in Heilbronn waren, ist nach wie vor unklar. Gab es Hinweise aus der rechten Szene auf einen hohen Ausländeranteil in der Stadt oder auf den bei Polizisten beliebten Rastplatz auf der Theresienwiese? Ob Fahnder gegen mögliche Unterstützer des Terrorduos im Raum Heilbronn ermitteln, sagt die Bundesanwaltschaft nicht. Nur so viel: Auch das Umfeld und Verbindungen in rechtsextreme Kreise "sind Gegenstand der Ermittlungen".

Dass die Theresienwiese bei Streifenbeamten offenbar gerne für eine Zigaretten- oder Vesperpause aufgesucht wurde, bestätigten Angestellte, die in direkter Nähe arbeiten. "Fast täglich" hätten Polizisten in dieser Zeit mit ihrem Streifenwagen dort kurz gestanden.

Waffenfunde

Im ausgebrannten Wohnmobil der mutmaßlichen Serienmörder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt stellte die Polizei mehrere Waffen sicher – unter anderem zwei Pumpguns und die gestohlenen Dienstwaffen der 2007 in Heilbronn ermordeten Polizistin und ihres verletzten Kollegen. In den Trümmern der ausgebrannten Zwickauer Wohnung der Terrorzelle fanden Ermittler neun Faustfeuerwaffen, ein Gewehr und eine Maschinenpistole. Darunter auch die Tatwaffen, mit der die Täter auf der Theresienwiese geschossen hatten, cf/lsw

 

 


 

 



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