Polizistenmord lässt Oberweißbach keine Ruhe (07.04.08)

Von Helmut Buchholz

Frische Blumen und ein ewiges Licht in Herzform: das Grab der ermordeten Polizistin auf dem Friedhof in Oberweißbach.Foto: Helmut Buchholz 

Es regnet zurzeit viel in Oberweißbach. Die dunklen Regenwolken hängen tief in der kleinen Stadt im Thüringer Wald und bilden fast keinen Kontrast mehr zu den grauen Schieferplatten, mit denen die meisten Häuser hier verkleidet sind. Kaum einer der 1600 Einwohner geht bei diesem Wetter freiwillig auf die Straße. Wer einen von ihnen nach Michéle Kiesewetter fragt, sieht einen Schatten über das Gesicht des Gegenübers huschen. Es ist keine Regenwolke, die die Miene verdüstert. Es ist die Trauer, der Schmerz und die Erinnerung an ein schreckliches Verbrechen, das immer noch ungesühnt ist. „Das Leben muss irgendwie weitergehen“, sagt die Angestellte im Hotel Burghof, die Michéle Kiesewetter vom Kirmesverein kennt, der die Oberweißbacher Kirchweih-Tradition pflegt. „Aber richtig vergessen kann man das nicht.“

Kein Gesicht Wie ein Blitz hat der Mord an der 22-Jährigen die Stadt getroffen, in der die Kriminalitätsrate gegen Null tendiert. Wie ein plötzlicher Wolkenbruch brechen auch heute noch die Nachrichten über den beschaulichen Ort herein, in dem jeder jeden kennt. „Wenn da jemand wäre, der ein Gesicht hätte und den man vor Gericht stellen könnte, dann könnte man vielleicht mit der Sache abschließen“, sagt Jens Ungelenk, der Bürgermeister von Oberweißbach.

Aber da ist kein Gesicht, nur eine winzig kleine DNA-Spur von einer mysteriösen Frau, die man in dem Auto fand, in dem Michéle Kiesewetter vor fast genau einem Jahr auf der Heilbronner Theresienwiese kaltblütig ermordet wurde. Es gibt einige im Ort, die nicht verstehen können, warum die Täterin nicht längst gefasst ist. „Die Mörderin hat doch schon so viele Spuren hinterlassen, warum findet man sie nicht?“, fragt eine Frau in der Metzgerei.

Seit 1993 fand sich der genetische Fingerabdruck der Unbekannten an rund 30 Tatorten in Deutschland, Frankreich und Österrreich. Bei jedem neuen DNA-Fund „kocht bei uns in Oberweißbach das Thema wieder hoch“, sagt eine Dame im Fremdenverkehrsamt. Noch etwas stößt im Ort auf Unverständnis: Dass die Polizistenmord-Gedenktafel in Heilbronn zwei Mal geschändet wurde.

So seltsam es klingt, aber ein weiteres tragisches Ereignis hilft der Stadt, nicht in der Trauer zu erstarren. Einige Wochen nach dem Mord an Michéle Kiesewetter kam ein Oberweißbacher Feuerwehrmann im Einsatz ums Leben. Wieder gab es eine große Trauerfeier in der 2000 Menschen fassenden Hoffnungskirche, wie schon für die Polizistin. „Das war auch ein trauriger Anlass“, erinnert sich Bürgermeister Jens Ungelenk. „Aber es lenkte wenigstens die Aufmerksamkeit von der Familie Kiessewetter ab.“

Ist in ihrer Heimat unvergessen: Michéle Kiesewetter.Foto: Archiv/Veigel 
Die Mutter der ermordeten Polizistin ist bekannt in Oberweißbach. Sie arbeitet in der Beratungsstelle eines Wohlfahrtverbandes und hat dadurch viel Kontakt zu den Menschen. „Das ist auch gut so“, sagt der Bürgermeister. Das soziale Netz in der Stadt funktioniert. Die Gemeinschaft fängt die Trauer auf. Dennoch ist die Mutter immer noch nicht so weit, mit einem Journalisten zu reden. „Jeder Bericht über ihre Tochter wühlt sie auf“, sagt die Pastorin Beate Kopf. Die nicht verheilten Wunden, drohen jetzt wieder aufzubrechen. Die Mutter befürchtet, dass zum ersten Jahrestag des Mordes die Boulevard-Medien über sie herfallen werden, berichtet Bürgermeister Jens Ungelenk. Wie damals, am Todestag von Michéle Kiesewetter. „Darum wehrt sie alle Interview-Wünsche ab.“

Stille Gesten Auch im Oberweißbacher Friseursalon ist das Thema tabu, obwohl dies eigentlich der Ort ist, an dem über alles und jeden geredet wird. „Die Geschichte ist für die Mutter doch schon grauenvoll genug“, sagt die Friseurin. „Es hilft nicht weiter, darüber zu reden.“

Vielleicht sind es tatsächlich eher die stillen Gesten, die trösten. Ohne viele Worte. Wie die Kieselsteine, die auf dem Grab der ermordeten Polizistin liegen, ein wenig versteckt hinter den frischen Blumen. Die Kollegen von der Bereitschaftspolizei in Böblingen, die bis heute Kontakt zu der Mutter halten, wollen damit ausdrücken, dass ihre Gedanken bei Michéle Kiesewetter sind. Die Steine symbolisieren einen letzten Händedruck.

 


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