Polizistenmord: Generalbundesanwalt zeigt Tatwaffe

Von unserem Redakteur Carsten Friese

Karlsruhe/Heilbronn - Der oberste Polizeichef der Bundesrepublik hält an seiner Einschätzung fest: Einen klaren Beweis dafür, dass die junge Polizistin Michele Kiesewetter (22) im April 2007 auf der Heilbronner Theresienwiese geplant und gezielt von Mitgliedern der Zwickauer Terrorzelle erschossen wurde, hat Jörg Ziercke, Chef des Bundeskriminalamts, zwar derzeit nicht.

Aber: „Meine Bewertung ist, dass die Täter planvoll gehandelt haben.“ Es gebe räumliche Schnittmengen und Bezüge von Unterstützern des Terrortrios um Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe zum Heimatort Oberweißbach der Beamtin. Da müsse man der Spur nachgehen, „wann, wo und warum diese junge Polizistin ins Visier der Täter geraten ist“, sagt Ziercke gestern in einer Pressekonferenz in Karlsruhe.

Dabei zeichnen Ziercke und Generalbundesanwalt Harald Range ein Bild der Rechtsextremisten, die mit Akribie und Absicherung durch Helfer nach ihrem Untertauchen im Jahr 1998 auf mörderische Streifzüge gingen. Neben dem Anschlag auf zwei Polizisten in Heilbronn (2007) stehen neun Morde an Ausländern (2000 bis 2006), zwei Sprengstoffanschläge und mindestens 14 Banküberfälle mit rund 600.000 Euro Beute in der Liste der Straftaten, die dem Trio zugeschrieben werden.

 

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Und aus dem riesigen Fundus an 2500 Beweisstücken, die Ermittler vor allem im Zwickauer Wohnhaus des Terrortrios fanden, schält sich heraus, dass die Neonazis offenbar gezielt ihre Opfer aussuchten, sie „ausbaldowerten“, wie Range für „verschiedene“ Tatorte feststellt.

Straßenkarten

Von der Täterschaft der Dreier-Gruppe sind die obersten Ermittler überzeugt. Es gebe die Tatwaffen, die Bekenner-DVD, dazu „Skizzen und Tatvorbereitungsmaterial“, zum Teil Straßenkarten von den Tatorten, die eine eindeutige Sprache sprächen. Die Terrorzelle „wollte nichts dem Zufall überlassen“, sagte Ziercke. Von Heilbronn habe man „keine Skizze gefunden“, räumte er auf Nachfrage ein.

An eine Zufallstat glaubt er jedoch nicht. Da die beiden Polizeibeamten im Streifenwagen Vesperpause machten, sei es wenig plausibel, dass sie die Täter bei einer anderen Tat gestört haben könnten. Die Verbindung zwischen Michele Kiesewetter und ihren Mördern? Es gibt nach Zierckes Auffassung keine Beziehung „im herkömmlichen Sinne“, sondern eine kriminalistische Beziehung. „Und das ermitteln wir.“

Die mutmaßlichen Schützen auf der Theresienwiese, Böhnhardt und Mundlos, sind tot. Beate Zschäpe sitzt im Gefängnis und schweigt. Drei mutmaßliche Unterstützer sind in Haft, „eine gute Handvoll“ weiterer Helfer haben die Ermittler laut Harald Range „im Visier“.

 

 

Doch trotz der vielen Fundstücke im Haus des Terror-Trios gibt es mit Blick auf die rund elf Jahre andauernde Terrorserie noch „zahlreiche Lücken“, wie BKA-Chef Ziercke einräumt. Jetzt soll die Bevölkerung helfen: Große Plakate und eine kostenlose Hotline setzen die Fahnder ein. Wo wohnte das Trio, wo fiel es auf, wo mietete es Wohnmobile, mit denen es zu den Tatorten fuhr? Wo gab es Hintermänner und Unterstützer? Der Generalbundesanwalt sagt die Anonymität bei Aussagen zu.

Aufgerissene Wunden

Kritik an früheren Ermittlern, die keine Zusammenhänge zwischen den Morden erkannten, wies der BKA-Chef zurück. Die entscheidende Spur zum Rechtsextremismus sei nicht gefunden worden, weil es zum damaligen Zeitpunkt „keine gab“.

Inzwischen zeigen die Ermittler die Tatwaffen von der Theresienwiese und das Wohnmobil, mit dem die Täter im April 2007 in Heilbronn gewesen sein sollen – einen Fiat Ducato (siehe Fotos). Man wolle das Netzwerk des rechten Terrors „bis zu den Wurzeln aufklären“, betont Jörg Ziercke. Die Frage, warum die Mordserie mit einem Schlag nach dem Polizistenmord 2007 aufhörte, kann er bisher auch nicht erklären.

Dass bei dieser Dimension des Terrors jeder Spur nachgegangen werde und bei Angehörigen von Opfern „Wunden aufreißen“, könne man den Familien leider nicht ersparen, zeigt der BKA-Chef an einer Stelle Mitgefühl. Nach Abschluss der Ermittlungen werde er sich aber beispielsweise mit der Familie Kiesewetter in Verbindung setzen – „das ist selbstverständlich“.

420 Polizisten ermitteln

Mit sehr großem Personaleinsatz gehen die Fahnder die Aufklärung der Terrorserie der Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ an. Allein zehn Staatsanwälte sind bei der Generalbundesanwaltschaft mit den Ermittlungen betraut, im Bundeskriminalamt (BKA) und Landeskriminalämtern sind 420 Kriminalbeamte im Einsatz. 50 weitere Beamte hat BKA-Chef Jörg Ziercke zur Bearbeitung der rund 2500 Beweisstücke angefordert, die im zerstörten Wohnhaus des Zwickauer Terror-Trios, im Wohnmobil und bei Hausdurchsuchungen bei mutmaßlichen Komplizen gefunden wurden.

Eine „beschämende Zahl“ nannte es der BKA-Chef, dass pro Tag in Deutschland zwei bis drei Gewalttaten durch Rechtsextreme an ausländischen Mitbürgern verübt würden. 1000 Gewalttaten gebe es pro Jahr im rechten Spektrum – ein Wert, der zuletzt stabil geblieben sei.


 

 

 

 

 

 

 

 



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