Mord an der Polizistin Michéle Kiesewetter - Spurensuche in Oberweißbach
Von Simone Rothe, dpa
Oberweißbach/Heilbronn - Mit dem Fund der zweiten Tatwaffe wird es Gewissheit: Michéle Kiesewetter, die junge Polizistin aus Oberweißbach, ist in Heilbronn von Neonazis erschossen worden. Warum musste sie sterben, fragen sich viele in ihrem Thüringer Heimatort.
Es ist ein Kommen und Gehen auf dem kleinen Friedhof im südthüringischen Oberweißbach. Zum Totensonntag werden die Gräber geschmückt, die an einem Hang gegenüber der imposanten „Hoffnungskirche“ liegen. Auf dem Grab mit dem Bild einer 22-Jährigen mit langen, dunklen Haaren stehen frische weiße Blumen. Ein Herz aus Moos liegt auf der Steinplatte, die Erde ist mit Erika bepflanzt und sorgfältig mit Blautanne abgedeckt.
Im Polizeidienst
Aufgewühlt sind die Gemüter vieler Menschen in der kleinen Stadt im Thüringer Wald, in der Michéle Kiesewetter aufwuchs und die Entscheidung traf, Polizistin zu werden. Viereinhalb Jahre nach ihrem Tod wird klar, sie wurde im Polizeidienst in Heilbronn das Opfer von Neonazis, die ebenfalls aus Thüringen stammen.
In den vergangenen Tagen stürmten auf ihre Familie, die so lange im Unklaren über die brutalen Täter vom April 2007 blieb, immer neue Informationen ein. Zunächst wurde die Dienstwaffen der jungen Polizistin und ihres schwerverletzten Kollegen im Wohnmobil von zwei toten Bankräubern in Eisenach gefunden.
Dann der Paukenschlag: Die Bundesanwaltschaft macht eine rechtsextreme Gruppe aus Jena, die 1998 untertauchte und von Zwickau aus agierte, für den Mord an der Polizistin und eine Mordserie an acht türkischstämmigen und einem griechischen Kleinunternehmer verantwortlich. Die Täter schossen ihren Opfern am helllichten Tag in den Kopf und hinterließen kaum Spuren. In einem Bekennervideo zeigen die Killer auch die Dienstpistole von Michéle - wie eine Trophäe.
Diese Dimension des Falls, von rechtem Terrorismus und Ermittlungspannen ist die Rede, wird in Oberweißbach viel diskutiert. „Das zieht noch große Kreise“, glaubt eine 68-Jährige aus dem Fremdenverkehrsort mit den schieferverkleideten Häusern. „Aber so schrecklich es ist: Zumindest ist die Unsicherheit für die Familie vorbei, wer das Mädchen ermordet hat.“
Bergbahn und Fröbel
Warum die Neonazis die junge Frau erschossen, ist ungeklärt. Oberweißbach, bekannt durch die Bergbahn und den Kindergarten-Erfinder Friedrich Fröbel, gilt nicht als Hochburg der Rechten. „Sie hatte mit Sicherheit mit diesen Leuten nichts zu tun“, sagt eine Angestellte aus dem Buchladen am Markt. In den Thüringer Verfassungsschutzberichten kommt Oberweißbach nicht vor. Auch Anti-Rechts-Aktivisten haben nichts Auffälliges gehört.
Belegt ist durch die Anfrage eines Landtagsabgeordneten lediglich, dass es im März 2006 in der Nähe ein Treffen einiger führender Thüringer NPD-Leute mit Rechten aus Baden-Württemberg, Berlin, Hessen, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern gab - in einer Gaststätte im Nachbarort Lichtenhain. Ob die damals 21-Jährige, die in Böblingen bei der Bereitschaftspolizei arbeitete, zu diesem Zeitpunkt in der Heimat war, ist nicht sicher.
Verdeckte Ermittlerin?
Manche in Oberweißbach wollen gehört haben, die engagierte Polizistin habe eine Aussage gegen Rechte gemacht. Belege? Nein. Andere wie Karin Fünfstück, Inhaberin der Glasboutique an der Hauptstraße, glauben, Michéle war verdeckte Ermittlerin. „Das denken viele“, sagt sie. „Wissen wird man es nie.“ Nach ihrer Ermordung hatte es in Baden-Württemberg Medienberichte gegeben, sie sei zumindest einmal in zivil in der Drogenszene eingesetzt gewesen.
Umfeld
Es gebe keine Anhaltspunkte, dass ihre Ermordung damit zu tun hat, dass Michéle Kiesewetter wie Mitglieder der Terror-Gruppe aus Thüringen stammt, erklärte kürzlich der Chef des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg, Dieter Schneider. Aus der erneuten Durchleuchtung ihres Umfeldes habe es „bisher kein Motiv für das Verbrechen gegeben“.
Eine Frau aus Oberweißbach, die nur ihren Vornamen Anita nennen will, glaubt eher an einen Zufall: „Sie war zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Dafür spreche, das Michéle am Tag der Tragödie eigentlich Urlaub gehabt hätte, sich aber zum Dienst meldete.
Über sie und ihre Familie wird in dem 1900-Einwohner-Ort freundlich und respektvoll gesprochen. Michéls Mutter ist vielen bekannt - sie arbeitet für einen Wohlfahrtsverband im Ort. Ihre Tochter, die mit 18 Jahren zur Polizeiausbildung nach Baden-Württemberg ging, erlebten viele von Kindesbeinen an. Die Buchhändlerin sagt: „Sie wollte uns immer beschützen.“
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