Es gibt viele kleine Phantome

Von Carsten Friese und Helmut Buchholz


Nach der Wattestäbchen-Panne: Es gibt viele kleine Phantome
DNA-Analyse im Labor des Landeskriminalamts in Stuttgart. Inzwischen werden regelmäßig unbenutzte Wattestäbchen aller Ermittler mit analysiert.Foto: Friese 

Region Heilbronn - Das Phantom im Heilbronner Polizistenmordfall ist längst als Luftnummer enttarnt. Jetzt wird Zug um Zug bekannt, dass in den DNA-Dateien noch weitere Phantome schlummern. Weil die Genspuren bereits auf unbenutzten Wattestäbchen waren, bevor die Ermittler an die Tatorte eilten.

„Wir sind auf eine generelle Schwachstelle in Europa gestoßen“, sagt Werner Kugler im Gespräch mit der Heilbronner Stimme. Kugler ist Leiter des Kriminaltechnischen Instituts im Landeskriminalamt Stuttgart. Seine Behörde hat nach der Entzauberung des Phantoms harte Kritik eingesteckt. Bundesweit. LKA-Präsident Klaus Hiller gibt nun Daten bekannt, die das Grundproblem veranschaulichen.

Saarländische Ermittler, die nach LKA-Angaben am 18. März 2009 den Beweis für die Trugspur des Phantoms lieferten, haben laut Hiller rund 100 unbenutzte Wattestäbchen der Firma Greiner untersucht. Ergebnis: sieben Treffer. Das LKA Stuttgart analysierte 700 weitere Stäbchen der Saarbrücker Charge. 17 wiesen bereits DNA-Material auf. Verblüffend: Neben dem Gencode des Phantoms wurden unbekannte DNA-Muster von zwei anderen Frauen und drei unbekannten Männern entdeckt.

In der Kritik

Nach der Wattestäbchen-Panne: Es gibt viele kleine Phantome
Verteidigt die DNA-Arbeit in Stuttgart: LKA-Präsident Klaus Hiller.Foto: dpa 
Wie viele falsche Spuren in der DNA-Datei des Bundeskriminalamts sind, ist unklar. Eine Fachgruppe prüft derzeit Serien von Straftaten, in denen Genspuren Unbekannter immer wieder auftauchten. Es gebe noch keine konkreten Ergebnisse, sagt ein BKA-Sprecher. Nach HSt-Informationen gibt es in Niedersachsen, Schleswig-Hostein und Hamburg solche Serien. Auch andere Wattestäbchenhersteller außer Greiner sollen betroffen sein.

In der Kritik stehen die DNA-Experten, die eine Fremdspur als abwegig bewertet hatten. Selbst „der Ur-Vater der DNA-Analyse“, betont LKA-Chef Klaus Hiller, habe eine mögliche Fremdkontamination als äußerst unwahrscheinlich eingestuft. Hiller verweist auf 300 Wattestäbchen der Firma Greiner, die das LKA seit April 2008 untersucht habe, als die vielen Spuren des Phantoms immer weniger erklärbar wurden. Ergebnis: keine Kontamination. „Das war extremes Pech“, sagt LKA-Sprecher Horst Haug.

Bauchgefühl

Kritik, die Polizei habe ihre Zweifel an den Phantomspuren öffentlich zurückgehalten und einiges verschleiert, weist Soko-Chef Frank Huber zurück. Das Bauchgefühl, dass mit den Spuren etwas nicht stimme, habe man schon lange gehabt. „Sie können aber kein Bauchgefühl öffentlich propagieren. Da bekommen Sie Prügel, und die objektiven Befunde standen bis zuletzt dagegen.“

Erst am 18. März 2009 hat die Soko laut Huber erfahren, dass alle 42 Phantomspuren mit Wattestäbchen derselben Firma gesichert wurden. Zuvor hätten die österreichischen Kollegen dagegen mitgeteilt, dass man Material von drei verschiedenen Herstellern verwende.

Gegen eine Anweisung des LKA von 2002, keine Wattestäbchen-Röhrchen der Firma Greiner mehr zu verwenden, hat die Heilbronner Polizei verstoßen, bestätigt Hiller. Damals ging es um die Gefahr von Schimmelbildung in den Röhrchen. Hiller: „Aber auch wir waren nicht so konsequent, die Wattestäbchen von dort zurückzuweisen. Schimmel war bei den Proben aus Heilbronn damals kein Problem.“

Seit April setzt Baden-Württemberg nur noch Wattestäbchen ein, die mit Ethylenoxid begast werden, was DNA-Strukturen weitgehend zerstören soll. Ob dies die beste Lösung ist, weiß die Polizei noch nicht.

Soko-Ermittlungsstand

Die Polizistenmord-Sonderkommission Parkplatz wechselte im Februar zum Landeskriminalamt Stuttgart. Sie hat jetzt rund 30 Mitglieder, acht davon Beamte aus Heilbronn – inklusive Soko-Leiter Frank Huber. Bis August sollen alle Heilbronner Fahnder zurück in die Polizeidirektion ins Unterland gehen. Außer Huber, der weiterhin Soko-Leiter bleibt. Von den 3700 Spuren, die nach dem Verbrechen am 25. April 2007 gesammelt wurden, bleiben noch 1700 übrig, die keinen Bezug zum Phantom haben. 100 werden noch ausgewertet. Huber: „Eine heiße Spur haben wir nicht.“ Dass eine Mafia hinter dem Polizistenmord steckt, kann der Soko-Leiter nicht ausschließen. „Es gibt aber auch derzeit keine konkreten Anhaltspunkte dafür.“




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