Die Bilder bleiben im Kopf

Von Nicole Amolsch

Auch wenn der Alltag sie zum größten Teil wieder hat, sind die Beamtinnen und Beamten in manchen Kontrollsituationen doch vorsichtiger

Heilbronn - Wenn Gaby Mader mit ihrem Kollegen auf Streife ist, kommt es vor, dass sie zur Theresienwiese fahren und aussteigen. An jenem Ort, an dem vor knapp einem Jahr Unbekannte die Polizistin Michéle Kiesewetter erschossen und ihren Kollegen schwer verletzt haben. Dieser Tag hat sich bei den Heilbronner Polizisten ins Gedächtnis gebrannt.

„Es ist die Brutalität, die einen nicht mehr los lässt“, beschreibt Gaby Mader ihre Gefühle ein Jahr danach. Die 29-Jährige ist seit 1997 bei der Heilbronner Polizei und hatte Dienst am 25. April 2007. Als der erste Funkspruch kam, hoffte sie noch, sie hätte sich verhört. In den ersten vier Wochen danach habe sie sich bei Kontrollen zwar ständig umgeschaut, den Kollegen nie aus den Augen gelassen. „Mehr Angst habe ich aber nicht. In dem Job weiß man, was möglicherweise auf einen zukommt.“ Jetzt sei es einem natürlich noch bewusster, dass so etwas auch in Heilbronn passieren kann.

„Der Alltag hat dich aber so schnell wieder und lässt es nicht zu, dass du dir ständig Gedanken darüber machst.“ Dennoch ist er nicht mehr derselbe. „Wir machen unsere Mittagspause nicht mehr irgendwo in der Stadt im Streifenwagen, wir fahren zurück ins Revier.“ Und: Mehr Kollegen tragen ihre Schutzwesten.

Intensive Gespräche Das bestätigt auch Andreas Mayer, Leiter des Polizeireviers Heilbronn: „Ich muss keinen mehr an die Schutzweste erinnern.“ Besonders im Gedächtnis geblieben ist ihm der große Zuspruch aus der Bevölkerung. Direkt nach der Tat sei die Verunsicherung auch bei den Kollegen groß gewesen. Intensive Gespräche „haben beruhigt und die Situation entschärft“.

„Ich habe die Bilder schon noch im Kopf“, erzählt Joachim Thomas. Der Dienstgruppenleiter des Heilbronner Polizeireviers war einer der ersten am Tatort. Allerdings beeinflusst ihn das nicht: „Man muss es verarbeiten, sonst kann man seinen Dienst nicht machen.“ Vorsichtiger ist er trotzdem. Dann wenn es Hinweise gibt, man könne auf die mutmaßliche Täterin treffen – beispielsweise bei Gartenhausaufbrüchen.

„Der Fall ist eigentlich ständig präsent. So etwas vergisst man nicht“, beschreibt Polizeisprecher Peter Lechner seine Erfahrungen. Auch die Belastung, die dieser Fall mit sich bringt, sei immens. Zeitweise gingen bei der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit bis zu hundert Medienanfragen täglich ein.

Seit dem 25. April 2007 vergeht kein Tag, an dem Kripo-Chef Volker Rittenauer nicht über das Geschehene nachdenkt. „Selbst als Kriminalbeamter, der mehr als 30 Dienstjahre hinter sich hat, kann ich das Bild, das sich kurz nach den Schüssen bot, nicht aus dem Kopf verdrängen.“ Einzig die Genesung des Kollegen und die gute Hoffnung auf Klärung der Tat stimmten positiv.

Ähnlich geht es Roland Eisele, Leiter der Polizeidirektion. „Der Mord hat sich tief in unser Bewusstsein eingebrannt.“ Ihn bewege natürlich auch die Frage, wie es die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verarbeiten. Und: „Solange die Tat nicht aufgeklärt ist, wird sie mich hautnah begleiten, werde ich meine Gedanken nicht freimachen können. In der Freizeit nicht und schon gar nicht im beruflichen Alltag.“ Nächste Folge: Die vielen E-Mails an die Heilbronner Polizei (Dienstagausgabe).






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