Bericht: Zschäpe offenbar schon 2007 bei Polizei-Vernehmung

Beate Zschäpe
Eine Reproduktion eine Bildes aus der Ostthüringer Zeitung aus dem Jahr 1998 zeigt ein Fahndungsbild von Beate Zschäpe Foto: Frank Doebert/Ostthüringer Zeitung 
Hamburg/Heilbronn - Mehr als 13 Jahre lang lebte das Zwickauer Neonazi-Trio unerkannt im Untergrund - dabei hätte sie womöglich spätestens 2007 auffliegen können. Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ soll Beate Zschäpe vor fünf Jahren für eine Zeugenaussage wegen eines Wasserschadens sogar auf dem Zwickauer Polizeirevier gewesen sein. Das war noch vor dem Heilbronner Polizistenmord.

Der Schaden sei in der Wohnung über dem damaligen Versteck des Trios mutwillig verursacht worden, schreibt das Magazin. Als die Polizei daraufhin die Erdgeschosswohnung begutachten wollte, habe eine Frau geöffnet, bei der es sich nach heutigem Ermittlungsstand um Zschäpe handelt.

Vorladung

Weil sie die Beamten nicht in die Wohnung ließ, sei sie Mitte Januar 2007 zur Zeugenaussage aufs Revier vorgeladen worden und dort als „Susann E.“ erschienen. Obwohl sie sich in Widersprüche verstrickt habe, seien die Beamten nicht misstrauisch geworden.

Zum Zeitpunkt der Vernehmung soll die Zwickauer Zelle bereits neun türkisch- und griechischstämmige Menschen ermordet haben. Knapp dreieinhalb Monate später wurde in Heilbronn eine Polizistin erschossen - mutmaßlich ebenfalls vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU). In den vergangenen Wochen waren bereits mehrere Pannen bekanntgeworden, unter anderem erfolglose Observationen im Jahr 2000 in Chemnitz.

Ermittlungsverfahren

Mittlerweile führt die Bundesanwaltschaft Ermittlungsverfahren gegen elf mutmaßliche Unterstützer der 1998 in den Untergrund abgetauchten Gruppe. Vier von ihnen sitzen in Untersuchungshaft, dazu kommt Zschäpe als einziges überlebendes Mitglied des Trios. Neben zehn Morden sollen zwei Bombenattentate in Köln 2001 und 2007 und mehrere Banküberfälle auf das Konto der Neonazi-Zelle gehen. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hatten sich Anfang November 2011 selbst getötet, als ihnen nach einem Bankraub die Festnahme drohte. Kurz darauf stellte sich Zschäpe.

Zu den als Terrorhelfer ins Visier geratenen NSU-Unterstützern soll auch der ehemalige Chef der sächsischen Neonazi-Gruppe „Blood & Honour“ gehören. Dass dieser mit Mundlos befreundet gewesen sei, habe ein Mitbeschuldigter aus Dresden bei der Polizei ausgesagt, meldet der „Focus“. Nach Informationen des Magazins hat der Verfassungsschutz dem Chemnitzer in einem Vermerk auch „gute Kontakte in die Schweiz“ nachgesagt. Aus der Schweiz soll eine NSU-Mordwaffe stammen.

Wegen der Beschaffung dieser Ceska 83, die Mitte der 90er Jahre legal von dem tschechischen Hersteller in die Schweiz geliefert worden war, ermittelt die dortige Justiz inzwischen gegen einen Schweizer. Ihm wird die Unterstützung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Berner Oberland vom Samstag wurde der Verdächtige bereits am 20. Januar festgenommen und nach zwei Tagen wieder auf freien Fuß gesetzt.

Alias-Namen

Wie der „Spiegel“ weiter berichtete, sprach die Frau - mutmaßlich Zschäpe - in der Befragung 2007 bei der Polizei in Zwickau mehrfach von „unserer Wohnung“, obwohl sie zuvor erklärt hatte, gar nicht dort zu wohnen. Hausbewohner hätten der Polizei zuvor erzählt, dass eine „Lisa D.“ mit zwei Männern in der Wohnung lebe - nach heutigem Stand Böhnhardt und Mundlos.

Neonazis
Fahnungsbilder aus dem Jahr 1998 von Uwe Böhnhardt (l.) und Uwe Mundlos: Zusammen mit Beate Zschäpe bildeten die beiden eine rechtsradikale Terrorzelle, die für eine Serie von zehn Morden verantwortlich gemacht wird. Foto: Frank Doebert/Ostthueringer Zeitung 
Im Untergrund hatte Zschäpe, die sich den Beamten als „Susann E.“ vorstellte, mehrere Alias-Namen verwendet. Die Unterschrift auf dem Vernehmungsprotokoll weiche erheblich von der Signatur der real existierenden Susann E. ab, ebenso das angegebene Geburtsdatum, hieß es weiter. Zudem könne die von der Zeugin damals genannte Telefonnummer inzwischen einem Handy zugeordnet werden, das Zschäpe genutzt hatte.

Mit den Ermittlungspannen befassen sich zwei parlamentarische Untersuchungsausschüsse im Bundestag und in Thüringen - woher das Trio ursprünglich stammt. Auch in Sachsen drängt die Opposition auf ein entsprechendes Gremium.

Kundgebungen gegen Rechts

In Heilbronn beteiligten sich rund 700 Menschen am Samstag an einem Gedenkmarsch gegen Fremdenhass und rechte Gewalt, der auch an die Tötung der Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 erinnerte.

In Hamburg gingen ebenfalls am Samstag nach Polizei-Angaben 1.800 Menschen gegen Rechtsextremismus auf die Straße. dpa




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