Polizei warnt vor Handy-Gewaltvideos

Von Helmut Buchholz

Gewaltbereite Kinder und Jugendliche prügeln sich, nehmen die Schlägerei per Kamera mit ihrem Handy auf und verschicken die Filmchen. Das Phänomen war vor allem in Großstädten bekannt, wird jetzt aber auch im Unterland zum Problem. Laut Polizei gibt es keine Schule, an der nicht Gewaltclips kursieren.

Polizei warnt vor Handy-Gewaltvideos
Polizei warnt vor Handy-Gewaltvideos 

 

Tatort Schule: Erst Anfang dieser Woche schlägt ein Siebtklässler an einer Hauptschule in einer Landkreiskommune einen Mitschüler zusammen. Die Schule informiert das Schulaufsichtsamt. Die Jugendhilfe schaltet sich ein, die Polizei nimmt die Strafanzeige auf. Dem Jugendlichen, ein Deutscher, wie Schulaufsichtsamtsdirektor Wolfgang Seibold betont, droht nun der Schulausschluss. Der Fall erinnert nicht nur durch seine Brutalität an die Szenen in der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln, sondern noch aus einem anderen Grund: Die Polizei hat auf dem Mobiltelefon des Schülers Gewaltclips und pornografische Darstellungen gefunden, die der Siebtklässler „schneeballartig“ mit dem Handy verschickt hat.

„Das ist kein Einzelfall“, sagt Andreas Mayer, Fachkoordinator Jugendkriminalität bei der Polizeidirektion Heilbronn. Schulaufsichtsamtsdirektor Wolfgang Seibold spricht von einer Modeerscheinung an den Schulen, „und zwar an allen Schularten, nicht nur an den Hauptschulen“. Bisher fiel das Phänomen vor allem in Großstädten wie Hamburg oder Berlin auf, wo es in Fachkreisen sogar ein einen eigenen Namen hat: „Happy slapping“, was zu Deutsch so viel heißt wie „fröhliches Ohrfeigen“. Dabei schlagen meist Jugendliche auf Personen ein oder inszenieren Prügeleien extra für ihre kamerabestückten Handys. Die kurzen Gewaltfilmchen verschicken sie mit dem Mobiltelefon an Freunde, Bekannte, Mitschüler. „Das gilt in der Szene als cool“, sagt Mayer. Es kommt aber auch vor, dass sich Jugendliche Brutalo-Video-Sequenzen aus dem Internet aufs Handy herunterladen und „sie munter hin und her schicken“. Die Polizei fand vereinzelt „Snuff-Clips“, bei denen Menschen - echt oder inszeniert - getötet oder sexuell missbraucht wurden.

„Es gibt fast keine Schule im Stadt- und Landkreis Heilbronn, an der nicht solche Clips im Umlauf sind“, erklärt Mayer. Die Dunkelziffer sei groß, die Fälle, die zur Anzeige kommen, gering. Das habe

Straftat statt kindlicher Neugier

verschiedene Gründe: Für die Polizei in Baden-Württemberg gab es bis jetzt keine Rubrik in der Kriminalstatistik für „Happy slapping“. Mayer: „Für uns ist das Phänomen noch relativ neu, wir erheben zurzeit landesweit erstmals Daten über dieses Delikt.“ Lehrer seien außerdem in der in der Vergangenheit zu tolerant gewesen und hätten das Herunterladen und Verschicken der Gewalt-Videos unter „kindlicher Neugier“ abgebucht. „Doch es handelt sich dabei um eine Straftat“, unterstreicht Mayer. Ihm ist ein Fall an einer Schule im Landkreis bekannt, in der die Jugendlichen sogar über den Schulcomputer verbotene Clips aus dem Internet luden, verschickten und auf CD brannten. Die Polizei registriert bei den Eltern dagegen eine große Unwissenheit. „Väter und Mütter wissen oft nicht, was ihre Kinder mit dem Computer oder Handy anstellen, weil ihnen das technische Verständnis fehlt.“

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