Wenn Wein plötzlich in anderem Licht erscheint

Wengerter Andreas Fischer demonstriert den Einfluss von Farben auf den Genuss

Von Kilian Krauth

Wenn Wein plötzlich in anderem Licht erscheint
Karin Sommerfeld in Blau: Ein warmer, wohliger Samtrot wirkt hart und bitter.

Heilbronn - "Es reicht heute nicht mehr, die Hoftore aufzusperren und zu warten, bis die Leute kommen." Andreas Fischer hat schon allerhand pfiffige Marketingideen entwickelt. Im Rahmen der touristischen Aktivitäten installierte der umtriebige Wengerter jetzt in seiner neuen Winzer-Lounge am Kleinen Stiftsberg einen Lichtraum. In dem vier Meter hohen sowie acht auf acht Meter großen Gemäuer führt der 45-Jährige seinen Gästen vor Augen, wie sich Farben auf das Geschmacksempfinden auswirken.

Blaulicht Als Karin Sommerfeld aus Neuenstadt und Ingo Seeliger aus Heilbronn ins Weingut Fischer einbiegen, ist der Schnee in blaues Licht getaucht. Durch eine Glastür betreten beide einen 90 Quadratmeter großen Raum. An der Decke sind vier Lichtinseln mit Neonröhren installiert. Jemand drückt den Schalter. Alles ist plötzlich weiß, dann rot, gelb, grün und wieder blau.

Dass sich jede Farbe anders aufs Geschmacksempfinden auswirkt, können sich die beiden erfahrenen Weinzähne schwer vorstellen. Fischer schenkt ihnen einen halbtrockenen Samtrot ein. Bei normalem Tageslicht charakterisieren ihn die Probanten als "duftig, wohlig, warm". Doch ein Knopfdruck genügt, und siehe da: Bei blauem Licht erscheint ihnen der Tropfen plötzlich "hart, bitter und einfach nicht mehr so gut". Bei Grün zeigt er sich "fast neutral, leicht, ja dünn und wässrig". "Er ist fast wieder da," heißt es bei Gelb. Und bei Rot nehmen die beiden den typischen Charakter des Samtrots sogar verstärkt wahr. Ähnlich ergeht es ihnen mit einem Riesling Kabinett. Er wandelt sich vom "üppigen Blumenstrauß" zum "schlanken, stahligen Weißwein" und schließlich gar zum "fast neutralen Wässerchen".

Rotlicht Während sich Seniorchef Rudolf Fischer für die "Spielerei" nicht so recht erwärmen kann und einen Bogen um den Lichtraum macht, verweist Sohn Andreas auf eine Studie der Universität Mainz. Demnach hat die Farbe des Umgebungslichts tatsächlich Einfluss auf den Geschmack von Wein, auch wenn die Farbe des Getränks selbst durch das Licht nicht verändert wird. Andere Untersuchungen hätten sogar ergeben, dass selbst Experten mit verbundenen Augen Weißweine mitunter nicht von Rotweinen unterscheiden können.

Fischer leitet daraus grundsätzliche Erkenntnisse ab. "Sinneswahrnehmen von außen haben auf den Weingenuss viel größeren Einfluss als viele wahrhaben wollen." Am besten nachvollziehen lasse sich dies etwa beim Urlaubswein, der im heimischen Wohnzimmer oft nur noch ein Schatten seiner selbst ist.

Wenn Wein plötzlich in anderem Licht erscheint
Ingo Seeliger in Rot: Der Riesling verwandelt sich in abgestandenes Wasser.
Wenn Wein plötzlich in anderem Licht erscheint
Andreas Fischer in Grün: Jetzt kommt die Blume zum Vorschein.Fotos: Veigel