Neuer Obdachlosentreff gesucht

Von unserem Redakteur Carsten Friese

Neuer Obdachlosentreff gesucht
Im provisorischen Arztraum des Gilde-Treffs: Dr. Thomas Gehrig entfernt einem 55-jährigen Sturzopfer Fäden an einer Kopfwunde. Hygienebedingungen stoßen hier an Grenzen, sagt Gehrig. Er hofft, dass man neue Räume findet.Fotos (2): Sawatzki 

Heilbronn - Für Obdachlose und Bedürftige ist er ein Segen. Anwohnern ist er dagegen zunehmend ein Dorn im Auge. Der Gilde-Treff in der Heilbronner Wolfganggasse hat in den vergangenen Jahren immer mehr Zulauf bekommen. Für etwa 30 Personen war die Anlaufstelle für Menschen am Rand der Gesellschaft vor 13 Jahren mal gedacht. In letzter Zeit waren es um die 80 pro Tag, "wir platzen aus allen Nähten", sagt Leiterin Gabriele Weber. Jetzt gibt es Überlegungen, ein alternatives Domizil aufzubauen.

18 Stufen sind es zum Arztraum oder zur Dusche in der ersten Etage. Für Kranke oder Gehbehinderte ist der Aufstieg beschwerlich. Der Neckarsulmer Arzt Thomas Gehrig bietet im Gilde-Treff seit Sommer 2011 einmal pro Woche eine kostenlose Sprechstunde an. Im Multifunktionsraum, in dem auch Friseur und Fußpflegerin Dienste anbieten, wo ein Computer genutzt wird, behandelt er Kranke. In Spitzenzeiten sind es an die 40, im Schnitt 15 bis 20. Er muss auch mal Wunden nähen, Bluthochdruck oder Infektionen behandeln. Die wichtigsten Utensilien sind in Hängeschränken verschlossen.

Kritik an Auswüchsen

Steril sind die Verhältnisse nicht. Die hygienischen Bedingungen "stoßen an Grenzen", sagt Gehrig. Und auch im engen Duschraum nebenan sieht er einen mangelhaften Standard, Frauen und Männer müssten sich das Angebot teilen. Ein gut zu putzendes Arztzimmer und nach Geschlechtern getrennte Doppelduschen hält der Mediziner für notwendig. Nur: Wo gibt es die?

Aufbaugilde-Chef Hannes Finkbeiner bestätigt, dass man innenstadtnah einen möglichst ebenerdigen Alternativstandort suche. Einfach wird die Suche nicht. Die Obdachlosen sind oft alkoholkrank. Anwohner im Bereich der Wolfganggasse, auch Wirte der Gastromeile am Neckar, sehen den Freiluft-Treffpunkt der Szene an den für viel Geld neu gestalteten Treppen samt Neckarbühne an der Fontäne kritisch. Der Gildetreff zum Aufwärmen, zum Essen, Waschen oder Duschen ist als Fixpunkt nur wenige Meter entfernt. Anzeigen wegen Pöbeleien und lautem Gegröle auf der Straße bearbeitet die Polizei nicht selten. "Normale Bürger trauen sich auf den Platz nicht mehr hin", hatte Stadtfischer-Wirt Köksal Kilic erst im Oktober kritisiert.

Wenn die Szene nun verteilt würde, sieht Hannes Finkbeiner positive Wirkungen. Ein zweiter oder dritter Gildetreff-Standort könnte für Entzerrung sorgen, glaubt er. Bei einem einzigen Anlaufpunkt "massiert sich das automatisch". Man könne die Menschen aber "nicht vertreiben".

Verantwortung

Die Stadt Heilbronn ist in die Planungen eingebunden. "Wir sehen uns in der Mitverantwortung und sind dabei, Standorte zu untersuchen", sagt Bürgermeister Harry Mergel. Er kennt die Anwohnerbeschwerden. Die Aufbaugilde sieht er aber auch als Partner. Man suche für alle Seiten "eine spürbare Verbesserung".

Finanziell unterstützt die Stadt den Gilde-Treff im Jahr mit 81 000 Euro, der Landkreis gibt 9000 Euro, überschlägt Hannes Finkbeiner. Die Kosten für die Anlaufstelle beziffert er auf 140 000 Euro. Die Lücke muss über Spenden finanziert werden. Den Grund für den starken Zulauf im Gilde-Treff sieht Finkbeiner in der zunehmenden Armut. Es seien viele Erwerbsunfähigkeits-Rentner dabei, "denen das Geld nicht reicht".

 

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Blick in den Waschraum: Eine Wanne mit Dusche und altem Boiler gibt es hier als Angebot für alle. 
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Die Anlaufstelle in der Wolfganggasse: Rund 80 Klienten kommen pro Tag hierher. Am Anfang waren es mal 30.Foto: Friese 



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