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Von unserer Redakteurin Gertrud Schubert
Heilbronn - Als ich’s gemerkt habe, da war es zu spät." Die Fünf in Chemie, die Vier in Mathe konnten Nina (heute 20) nicht aus der Ruhe bringen. Ein halbes Jahr nach der miesen Halbjahresinformation ist sie sitzengeblieben. Warum? "Pure Faulheit", sagt sie heute.
Alarmsignal Im Februar ziehen die Schulen Zwischenbilanz. Die Gymnasien verschicken, so sie es für angebracht halten, schon im Januar Realschulempfehlungen, erklärt Direktor Andreas Meyer vom Mönchsee-Gymnasium Heilbronn die Abläufe. Mit einem kleinen Kreuzchen "Gespräch erwünscht" signalisieren Gymnasiallehrer den Eltern bei schlechten Noten in der Halbjahresinformation zudem Handlungsbedarf: Wenn nicht jetzt, wann dann? Nicht wenige Mütter und Väter folgen der Aufforderung und kommen zum Elternsprechtag.
Im großen Ganzen nimmt die Zahl der Sitzenbleiber in Baden-Württemberg in den letzten zehn Jahren ab. Trotzdem erreichten Ende des Schuljahres 2009/10, das sind die jüngsten Landeszahlen, 18 210 Schüler das Klassenziel nicht. Wenn man pro Schulplatz und Jahr 5000 Euro ansetzt, ist das ein volkswirtschaftlicher Schaden von mehr als 91 Millionen Euro, rechnet der leitende Schulamtsdirektor Wolfgang Seibold hoch. Nicht nur aus pädagogischen Gründen verurteilte Ministerialdirigentin Margarete Ruep vergangene Woche vor Heilbronner Referendaren also das Sitzenbleiben: "Es ist ein Mythos zu glauben, dass das nützlich ist. Davon müssen wir wegkommen."
Der Bildungsbericht von Heilbronn legt schon Zahlen für 2010/11 vor. Die Realschulen melden mehr Sitzenbleiber als in den Vorjahren, dieses Jahr haben 156 Jungen und Mädchen das Klassenziel verpasst. Woran diese Steigerung liegt? Volker Dörfler, Rektor der Mörikerealschule Heilbronn, sucht nach Erklärungen. Zum Beispiel den Schulartwechsel. Gymnasiasten kommen nicht selten in die Realschule, bevor sie sitzenbleiben. Realschüler aber verabschieden sich nicht freiwillig auf die Hauptschule. Außerdem fehlten den Realschulen Fördermöglichkeiten für schwache Schüler. Dörfler hält Sitzenbleiben für "verlorene Lebenszeit", abschaffen würde er es trotzdem nicht: "Manche brauchen aus pubertären Gründen eine Ehrenrunde." Die Schüler sollten ausreichend unterstützt werden, "damit sie gar nicht in die Situation kommen".
Außenseiter "Mach’s nochmal, mach’s besser", sagten Natalies Eltern schließlich zu ihrer Tochter, als feststand, dass sie Klasse 10 in der Helene-Lange-Realschule wiederholt. Für sie habe sich das Sitzenbleiben gelohnt, sagt Natalie (17): Sie ist raus aus der Sackgasse, hat einen Ausbildungsplatz, die Fünfer sind weg und sie geht zuversichtlich in die Prüfung. Nina indes erinnert sich, dass sie die Ankunft nach den Sommerferien in der neuen Klasse in der Güglinger Realschule als erniedrigend empfunden hat. "Ich habe mich immer als Außenseiter gefühlt. Und schulisch habe ich mich nicht wirklich verbessert."
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