Faustrecht bei Mädchen: Fälle nehmen zu

Von Carsten Friese

Gewalt statt Worte: Auch bei Mädchen ist das Schlägern heute keine Seltenheit mehr. Es ist kein Massenphänomen, aber ein Trend.Foto: Ralf Seidel Ralf Seidel

Region Heilbronn - Das angeblich schwache Geschlecht schlägt inzwischen öfter zu. Faustschläge unter Mädchen sind auch in der Region Heilbronn keine absolute Ausnahme mehr. „Es ist kein Massenphänomen, aber die Zahlen steigen“, verweist Polizeisprecher Peter Lechner auf die Entwicklung.

Auch Sandra, 17, hat schon mal einer Bekannten mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Drei Mal. Sie wollte ihrer Freundin bei einem handfesten Streit helfen und bezeichnet ihre Schläge als Reflex. Die 17-Jährige, die wir am Heilbronner Hauptbahnhof treffen, bestätigt den Trend. „Das mit den Schlägen hat zugenommen.“ Die Worte „Was guckst du so dumm, willst du Schläge?“ fielen unter Mädchen heutzutage durchaus öfter. Warum? „Eigentlich“, sagt die 17-Jährige, „ist das voll der Schwachsinn.“

Fallzahlen In die Polizeistatistik fließen nur angezeigte Fälle ein. Die Zahlen belegen einen Trend: Weiterhin dominieren die jungen Männer die Gewaltkriminalität, doch die Mädchen holen langsam auf (siehe Grafik). Ihre Fallzahlen steigen, während die Gewaltfälle der jungen Täter in den vergangenen zwei Jahren zurückgingen. Was in die Daten mit einfloss, sind schwere und gefährliche Körperverletzungen. Einfache Körperverletzungen fehlen. Sie wurden bisher nicht nach Geschlechtern getrennt erfasst.

Suche nach Anerkennung? Dass Mädchen heftig zuschlagen, „kommt immer wieder vor“, bestätigt ein Heilbronner Sozialarbeiter. Es sei „nicht gravierend, aber ein Anstieg“, beschreibt er die Entwicklung. Warum jetzt auch die jungen Frauen verstärkt Gewalt mit Fäusten ausleben? Die Suche nach Anerkennung, eine Frage des Selbstwertgefühls fallen dem Jugend-Fachmann als Erklärungen ein.

Auf ungewöhnliche Erfahrungen verweist Stephanie Ackermann, Sozialpädagogin im Verein Pfiffigunde. Wenn bei Präventionsveranstaltungen Schülerinnen am Anfang nach ihren Hobbys gefragt werden, „kommt von der Hälfte die Antwort: rumhängen und schlägern“. Schlägern – ein Hobby? Eine „richtig gute Erklärung“ dafür hat Stephanie Ackermann nicht. Doch seit zwei, drei Jahren beobachtet sie den Trend, dass sich in Mädchengruppen die Stimmung „massiv geändert hat“ – in Richtung Aggressivität. Vor allem bei Hauptschülerinnen sei dies besonders auffällig.

Dauerarrest Die Frage ist: „Wo haben sie es her?“ Wird die sonst vorrangig maskuline Gewalt in der Gesellschaft von Mädchen kopiert? Lernen sie im Alltag, dass man mit Gewalt Dinge vermeintlich besser durchsetzen kann? Erstmals wird Pfiffigunde am 8. April in Heilbronn ein Fachforum organisieren über pädagogische Konzepte bei „grenzverletzenden und aggressiven Mädchen“. Die beobachtete Entwicklung bereitet Stephanie Ackermann Sorgen. In Präventionskursen hat sie zwar noch keine prügelnden Mädchen erlebt. Es seien jedoch schon welche ausgeschlossen worden, weil sie sich aggressiv und körperlich bedrohlich verhalten haben.

Gewaltkriminalität „wird weiterhin von jungen Männern dominiert“, betont Polizeisprecher Peter Lechner. Aber: Dass Mädchen verstärkt zum Alkohol greifen und „stark betrunken sind“, hat die Polizei festgestellt. Lechner: „Wir müssen den Trend beobachten.“

Für eine 15-jährige Hauptschülerin aus Heilbronn endete ein Gewaltstreifzug jetzt vor dem Amtsgericht. Mit Faustschlägen ins Gesicht hatte sie drei andere Mädchen verletzt und auf eine am Boden liegende 16-Jährige eingetreten. Zu vier Wochen Dauerarrest und einem sozialen Trainingskurs verurteilte Richter Hans Klein die Schülerin. „Das war schon ein massiver Fall“, sagt er auf Nachfrage.






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