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Einmal pinkeln kostet 7,99 Euro
Von Franziska Feinäugle
"Wenn es in der Nähe keine andere Möglichkeit gibt, kommt es zu peinlichen Vorgängen."
Stadtrat Alfred Dagenbach
Heilbronn - Kaum jemand, der 30 Cent in einen Schlitz wirft und für diesen Betrag eine öffentliche Toilette benutzt, käme wohl auf den Gedanken, dass die Stadt, in der er sich gerade befindet, diese Verrichtung seines sehr persönlichen Bedürfnisses bezuschusst. Hoch bezuschusst, muss man sagen, wenn man sich mit einem Beschluss aus der jüngsten Heilbronner Gemeinderatssitzung beschäftigt.
Dort ging es um sechs automatische Toilettenanlagen, die seit bald 20 Jahren zum Stadtbild gehören, im kommenden Herbst aber aus demselben verschwinden werden. Es sind die beige-grauen Häuschen am Sülmertor und im Franziskanerhof, in der Rollwag- und in der Karlstraße, in der Zehentgasse und am Kaiser-Friedrich-Platz.
Mit der vorzeitigen Kündigung des Toilettenanlagen-Mietvertrags spart die Stadt netto 106 584 Euro, die insgesamt bis März 2012 an die Häuschenvermieterfirma hätten gezahlt werden müssen.
Vernünftig
Statt in die Häuschen, so das Ansinnen der Verwaltung, sollen die Menschen künftig auf die "nette Toilette" gehen, die mittlerweile zwölf Heilbronner Gastronomen und Einzelhändler im Rahmen des gleichnamigen Projekts auch für Nichtkundschaft öffnen.
Ein Vorschlag, den SPD-Stadträtin Tanja Sagasser "vernünftig" nennt, allein schon aus mathematischen Gründen: "Man kann sich ja mal durchrechnen, was so ein Durchschnittstoilettenbesuch kostet. Das sind hohe Summen."
Und in der Tat. Wen schon die selbst eingeworfenen 30 Cent schmerzen, traut bei dieser Rechnung seinen Ohren nicht. Vergangenes Jahr wurde jede der sechs Toiletten im Durchschnitt 4,7 Mal am Tag benutzt, das macht im Jahr 10 293 Toilettenbesuche. Da die eingeworfenen Gebühren gerade reichten, um die Ver- und Entsorgung der Anlagen mit Wasser zu bezahlen, kann man die Häuschenmiete − 2009 waren das 82 195 Euro − durch die Zahl der Klobesuche teilen. Jeden Toilettenbesuch subventioniert die Stadt also mit 7,99 Euro.
Nicht tragbar
"Die Bürger müssen sehen, dass das nicht mehr tragbar ist", sagt Roswitha Löffler (CDU). Auch Karl-Heinz Losch (FDP) sind "acht Euro Zuschuss zu viel". Alfred Dagenbach (Pro) erinnert sich an die Ankunft zweier Reisebusse am Busbahnhof Karlstraße, wo schon die eine Toilette zu wenig gewesen sei: "Da es in der Nähe keine andere Möglichkeit gibt, kam es zu peinlichen Vorgängen." Anwohner hätten sich gezwungen gesehen, "die Leute auf ihre private Toilette zu lassen".
Betriebsamtschef Dieter Klenk berichtet von Gesprächen mit zwei Lokalbetreibern in unmittelbarer Nähe des Busbahnhofs und von signalisierter "Bereitschaft, sich der ,netten Toilette" anzuschließen".
Hatte 1995 jedes der automatischen Klos noch durchschnittlich 8,2 Besuche verzeichnet, waren es 2002 noch 7,2 und 2009 wie erwähnt 4,7 Benutzungen. "Diese rückläufige Inanspruchnahme lässt auf einen ebenfalls rückläufigen Bedarf schließen", folgert die Verwaltung. Als ein Grund für den Rückgang wird übrigens das 2006 begonnene Projekt "nette Toilette" vermutet.
Die öffentlichen Toiletten in der Heilbronner Innenstadt sind schnell aufgezählt: An der Allee ersetzt eine automatische Toilette die WCs der mittlerweile geschlossenen Postpassage, unter dem Marktplatz befinden sich ein Damen- und ein Herrenklo mit jeweils mehreren Kabinen. Betriebsamtschef Dieter Klenk rechnet auch die „netten Toiletten“, die zwölf Lokale im Rahmen der gleichnamigen Aktion für die Öffentlichkeit zugänglich machen, zu Heilbronns öffentlichen Klos. Außerdem gibt es städtische WCs im Wertwiesen-, Ziegelei- und Pfühlpark und im alten Böckinger Friedhof. ff
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