Anderer Blickwinkel auf Neonazi-Terror

Heilbronn  Bereits 24 Städte hat die Ausstellung über die Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds besucht. Ausgerechnet in Heilbronn kamen bislang die wenigsten Besucher. 22 Tafeln zeigen die Opfer als Privatpersonen.

Von Helmut Buchholz

Anderer Blickwinkel auf den Neonazi-Terror
Silke Ortwein (links) und Birgit Mair vor der Kiesewetter-Tafel. Foto: Sawatzki

Für 30 Vernissage-Besucher war bestuhlt. Nur fünf kamen am Donnerstagabend. "So wenig wie noch nie", sagt Birgit Mair, die die Wanderausstellung über die Opfer und Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) zusammengestellt hat. Die Heilbronner VHS im Deutschhof ist die 25. Station der Doku.

Die geringe Resonanz lässt niemand verzagen. "Ich hätte mir auch mehr Gäste gewünscht", bekennt Silke Ortwein, die als DGB-Vorsitzende die NSU-Schau nach Heilbronn holte. Für sie ist es "unabdingbar", dass die 22 Tafeln in der Stadt gezeigt werden, in der der NSU den letzten Mord seiner Serie 2007 verübte − den Polizistenmord.

Zwar sind sich die Ermittler sicher, dass die Neonazis der Zwickauer Terrorzelle für die Morde an neun Migranten verantwortlich sind und dass Rassismus das Motiv war. Aber warum gerade Michèle Kiesewetter 2007 in Heilbronn Ziel ihres Anschlags wurde, ist nach wie vor unklar. "Ich will mich nicht an Verschwörungstheorien beteiligen", versichert die Ausstellungsmacherin Birgit Mair. "Ich halte mich lieber an die Fakten."

Stärken

Außerdem wollte die Nürnberger Sozialpädagogin sich von dem bisherigen medialen Strom der NSU-Berichterstattung absetzen, indem sie die NSU-Opfer in den Mittelpunkt stellt. Tatsächlich hat die Schau hier ihre Stärken. Auf den meisten Tafeln werden die Biografien der NSU-Opfer vorgestellt, die Birgit Mair nicht als Opfer porträtiert, sondern als "Privatpersonen", wie sie sagt. Wie sehr dies die Angehörigen der Opfer bisher vermisst haben, zeigt der Umstand, dass die Mutter von Michèle Kiesewetter die Ausstellung mit einer Geldspende unterstützt − und auch bisher unveröffentlichte Privatfotos ihrer Tochter zur Verfügung gstellt hat.

Netzwerk

Birgit Mair glaubt nicht an die These der Ermittler, dass der NSU sei eine kleine Terrorzelle gewesen sei. "Die hatten ein Netzwerk." Der NSU definiere sich selbst auf seiner Bekenner-DVD als "Netzwerk". Die Generalbundesanwaltschaft gehe davon aus, dass 500 Neonazis in Deutschland die NSU-Mitglieder kannten. Allerdings ist Birgit Mair eher pessimistisch, dass der Fall Kiesewetter irgendwann ganz aufgeklärt wird: "Warum die Polizistin sterben musste, werden wir wohl nie erfahren."

Die Ausstellung ist bis 7. Juni zu den Öffnungszeiten der VHS (9 bis 20 Uhr) zu sehen.