Urquell der Stadt: Für immer verschüttet

Heilbronn  Vom unrühmlichen Umgang der Heilbronner mit ihrem Namensgeber. Der einstige Kirchbrunnen ist fast vergessen.

Von von unserem Redakteur Kilian Krauth

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Der Blick von Osten zeigt rechts den Siebenröhrenbrunnen mit Kiliansplatz, der in die Kirchbrunnenstraße übergeht. Foto: Sawatzki  Sawatzki, Guido

Auf der Heilbronner Kirchbrunnenstraße kommen nach langem Hin und Her die Bauarbeiten zur Neugestaltung auf die Zielgerade. An der Hauptpforte des Deutschordensmünsters soll noch ein sogenannter Kirchenbalkon angebracht werden, der eigentlich besser Kirchenterrasse oder -plattform heißen sollte. Wie die neue Fußgängerzone selbst ist er geradlinig, klar und ohne große Schnörkel gestaltet – auch wenn der Gemeinde St. Peter und Paul ursprünglich eine barock anmutende Lösung vorschwebte. Dennoch wird nach der Fertigstellung die Reminiszens  an die Vergangenheit nicht fehlen. Kunstvoll verzierte Sandstein-Grabplatten sollen an der Außenwand der Kirche an den Friedhof erinnern, der sich früher hier befand.

Auch die Kirchbrunnenstraße selbst hat eine große Geschichte. An der Schnittstelle zum Kiliansplatz schlummert in einigen Metern Tiefe der einstige Kirchbrunnen, in dem Historiker den Urquell und Namensgeber der Stadt Heilbronn sehen. Der Legende nach sollen der Frankenmissionar Kilian oder zumindest seine Gefährten Kolonat und Totan Ende des siebten Jahrhunderts hier die ersten Christen Heilbronns getauft haben. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Brunnen zugeschüttet. Er ist inzwischen fast völlig in Vergessenheit geraten. Was vielen nicht bewusst ist: Am 40 Meter weiter östlich vor der Kilianskirche stehenden Siebenröhrenbrunnen finden sich noch Teile davon, auch im Stadtarchiv, und unter den Arkaden des Rathauses ist in die Mauer sogar eine Steintafel eingebaut.

Heilender Bronn

Die verschüttete Anlage hat es in sich. Mutmaßlich diente die Quelle in vorchristlicher Zeit als Kultstätte. Der Legende nach hat Frankenmissionar Kilian hier die ersten Christen getauft und Karl der Große die erste Kirche der Stadt bauen lassen, die Kilianskirche, die zunächst dem Heiligen Michael geweiht war. Historisch unstrittig ist, dass der „heilende“ oder „heilige“ Bronn Heilbronn den Namen gab. Wegen ihrer Lage hieß die Quelle auch „Kirchbrunnen“.

 

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Der Heilbronner Kirchbrunnen wurde erstmals 1364 erwähnt. Die Abbildung von 1631 zeigt die 18,9 Meter lange und sechs Meter breite Anlage. Auf einem der ersten Fotos der Stadt aus dem Jahre 1865 ist die Anlage links noch zu erkennen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist vom Brunnen nichts mehr zu sehen. Fotos: Stadtarchiv Heilbronn

Doch am einstigen Standort selbst gibt es keine Spur mehr vom Heilbronner Urquell. Und das wird wohl so bleiben. Auch im Zuge der aktuellen Sanierung der Fußgängerzone hielt es die Stadt nicht für nötig, in irgendeiner Form auf die geschichtsträchtige Stelle hinzuweisen. Einer, der dies gar nicht verstehen kann, ist Dr. Jürgen Stein. Der heute in Wien lebende promovierte Literaturwissenschaftler und Historiker ist in direkter Nachbarschaft in der Kirchbrunnenstraße 26 aufgewachsen. Schon in seiner Jugend hatte er ein Schlüsselerlebnis, das ihn zum Brunnenfan machte:

„Eins, zwei, drei – und irgendwann hat’s plopp gemacht.“ Stein steht im Keller seines Elternhauses und deutet auf den Kellerboden. „Hier muss es gewesen sein“, sagt der heute 73-Jährige und erzählt von einem tiefen Brunnen, in den er als Neunjähriger mit Freunden Steine geworfen hat. Bauarbeiter waren bei Sanierungsarbeiten 1952 auf ihn gestoßen. Als sein Vater Rudolf davon erfuhr, ließ er ihn mit Schutt verfüllen. „Sonst bekommen wir bloß Zores mit der Stadt“, meinte der Senior. Der „Junior“ scheint das nie so richtig verschmerzt zu haben. Lange war er sich nicht sicher, ob es sich nicht sogar um den einstigen Kirchbrunnen handelte oder zumindest um den einer ehemaligen Badeanstalt.

Archäologische Schätze 

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So sah die Anlage im Jahr 1865 aus.

Als Jürgen Stein dann vor wenigen Jahren aus der Stimme von der anstehenden Sanierung der „Gasse meiner Jugend“ erfuhr, waren „plötzlich die Erinnerungen wieder wach“. Schon als Junge hatte er sich, nicht zuletzt dank seines Mittelschullehrers Hugo Jetter, für die Historie der Stadt begeistert und bei seinen Streifzügen durch Keller, Ruinen und Archive manche Kleinode entdeckt. Mit Blick auf historische Bilder, die er im Stadtarchiv ausgegraben hat, zeigt Jürgen Stein auf, dass die Kirchbrunnenstraße einst breiter gewesen sein muss und außerdem in den 1950er Jahren angehoben wurde. Überall dürften noch vergessene archäologische Schätze schlummern, meint er.

Im Vorfeld der aktuellen Arbeiten wies der Globetrotter die Stadt darauf hin, bei den vorgezogenen Leitungsarbeiten 2015 besonders auf den Untergrund zu achten – so wie es in seinem heutigen Wohnort Wien üblich sei. „Wenn da was auftaucht, wird das gleich von einem Stararchitekten eingerahmt, und man hat eine neue Touristenattraktion. Heilbronn hat so viel verloren, ein Stück in Szene gesetzte Historie stünde der Stadt gut zu Gesicht.“ Doch leider brachten die Bauarbeiten nichts zutage. Stein kann sich denken, warum. Die ursprünglich tiefer liegende Straße wurde nach dem Krieg mit Schutt aufgefüllt. Außerdem sprudelte der tiefer gelegte Kirchbrunnen zwei Meter unter dem einstigen Straßenquerschnitt.

Anfang 19. Jahrhundert.

Die erstmals 1364 erwähnte Quelle war 1541 von Balthasar Wolff in eine 19 auf sechs Meter große Anlage gefasst worden: mit Becken zum Waschen und Bleichen von Wäsche und mit sieben Röhren. Der Eingang wurde von Säulen flankiert, zwischen denen Treppenstufen hinabführten. 1809 wurde der Aufbau zerstört. Als im Zuge der Industrialisierung weitere Brunnen gebohrt wurden, versiegte die Quelle 1835, 1868 wurde sie verdolt, die Anlage eingeebnet. 1904 entstand der Siebenröhrenbrunnen, der 1988 mit der Neugestaltung des Kiliansplatzes um einige Meter an die heutige Stelle verrückt wurde. Auch wenn er von vielen als Namensgeber der Stadt angesehen wird: Der tatsächliche Urquell von Heilbronn sprudelte 40 Meter weiter westlich.