Falsch behandelt, Hoden verbrannt

Information über die Jodallergie eines Patienten ging im Heilbronner Krankenhaus unter

Von Carsten Friese

Zu einer Kathederuntersuchung war der heute 67-Jährige im Oktober 2001 ins Krankenhaus am Gesundbrunnen gekommen. Gleich zwei rzte und die Krankenschwester will er auf seine Jodallergie, für die er einen Allergiepass hat, ausdrücklich hingewiesen haben. Vor einem Kathedereingriff steht die Desinfektion der Lendengegend. Gegen Ende spürte der Patient ein extremes Brennen, sprach von einer "Lache" des Desinfektionsmittels, in der sein Hodensack gelegen habe.

"Es waren Hautfetzen weg, es fing an zu eitern", beschrieb er die Folgen, die sein Hautarzt nach der Entlassung feststellte. "Gut drei Wochen" habe er Schmerzen gehabt. Mit einer Anzeige bei der Polizei ging er gegen die Beteiligten vor. "Damit sie wissen, dass sie nicht so lasch mit Medikamenten umgehen dürfen", wie der Mann gestern in einer Verhandlungspause sagte.

Die Krankenschwester stellte den Vorfall anders dar. Einen Strafbefehl über 1200 Euro wegen fahrlässiger Körperverletzung hatte sie nicht akzeptiert, auch ein Angebot zur Einstellung des Verfahrens gegen eine Geldbuße von 500 Euro nicht. Nach ihren Angaben hat der Patient sie "wirklich nicht" auf die Jodallergie hingewiesen. "Dann hätte ich ihn doch nicht mit dem Mittel desinfiziert. Da schrillen doch die Alarmglocken." Dass ein Allergie-Hinweis in der Krankenakte stand, ist Fakt. Nur: Eine Krankenschwester habe nicht die Pflicht, die komplette Akte durchzugehen. Im Kathederlabor gibt es einen Behandlungsplan, den ein Arzt ausfüllt. Und dort war laut Angeklagter kein besonderer Hinweis vermerkt. Dass das Desinfektionsmittel bei Patienten brenne, sei "normal". Ihr Fazit: "Ich bin mir keiner Schuld bewusst."

Eine zentrale Frage hing im Gerichtssaal in der Luft: Wieso sitzen keine rzte mit auf der Anklagebank? Gegen einen Arzt wurde ein Ermittlungsverfahren wegen fehlender Verantwortlichkeit eingestellt, wie Staatsanwalt Martin Renninger auf Nachfrage mitteilte. Gegen einen zweiten Arzt war ein Strafbefehl erfolgt. Es folgte ein Widerspruch. Gegen 2000 Euro Geldbuße wurde das Verfahren schließlich eingestellt. Wo Informationen über die Allergie möglicherweise hängen geblieben waren, war offenbar nicht mehr genau nachprüfbar.

Vor dem Auftritt weiterer Zeugen, dreier rzte und einer Krankenschwester, mahnte der Staatsanwalt eindringlich, dass eine mögliche Falschaussage rechtlich "viel schwerer als das wiegt", worum es im Falle der Körperverletzung gehe. Unter Tränen akzeptierte die Angeklagte nach einer Beratung mit ihrem Verteidiger widerwillig eine Einstellung des Verfahrens gegen 500 Euro Geldbuße, "weil das für mich wie ein indirektes Schuldeingeständnis ist". Richter Friedrich Hiller stellte dagegen klar, ein eingestelltes Verfahren bedeute, "dass ihr Verschulden als gering eingestuft wird".

Der strafrechtliche Teil der Falschbehandlung ist damit abgeschlossen, der zivilrechtliche Teil nicht. "Wir werden Ansprüche auf Schmerzensgeld geltend machen", stellte Tobias Vels, der Rechtsanwalt des Patienten, fest. Gegen wen, das ließ er offen.