Halbmast und kein Kirchweihfest (12.10.)

Von Steffan Maurhoffund Peter Boxheimer

Wer hat den Bäckermeister zur betreffenden Zeit mit diesem olivegrünen VW-Bus oder einem weißen Bäckereifahrzeug fahren sehen? Polizei

Siegelsbach im Trauerflor. Vor dem Bürgerzentrum weht die Fahne mit dem Ortswappen auf Halbmast. Am Vormittag rückt ein Trupp der Obergimperner Gebäudereinigung von Edgar Zwirn mit dem Auftrag an, in der Zweigstelle der Sparkasse Kraichgau aufzuräumen. "Etwas mulmig" sei ihm schon, bekennt Zwirn vor einem Kamerateam, bevor es ans Aufräumen an der Stätte des grausamen Geschehens geht.

Bis dort wieder Normalität einkehrt, wird es sicher noch eine Weile dauern. Wie auch im übrigen Ort. Dort sollte eigentlich am nächsten Wochenende Kirchweih gefeiert werden.Aber die wurde jetzt abgesagt - einschließlich der Einweihung des neuen Röhrenbrunnens direkt neben der Bankfiliale. "Wir verzichten vollständig auf irgendwelche Feierlichkeiten", meint Bürgermeister Uli Kremsler. Ein Gedanke, der ihm schon am Donnerstag, dem Tag des Verbrechens, durch den Kopf ging, der aber spätestens am Freitag Gewissheit wurde, als der Bäckermeister aus Siegelsbach von der Polizei abgeführt wurde.Nach wie vor diskutiert das ganze Dorf, ob er überhaupt der Täter sein kann. Sicher weiß man, dass er der Jagd als Hobby leidenschaftlich fröhnte.

Die Bäckerei des Verhafteten hatte gestern demonstrativ geöffnet. Zu einer Stellungnahme war aber niemand bereit. Steffan Maurhoff
Ein regelrechter Anziehungspunkt für die Kinder im Ort ist das Wildgehege mit niedlichen Rehen auf der rückwärtigen Seite seines Anwesens. Ein weiteres Gehege mit Wildschweinen und Damwild hat er übrigens in Wollenberg, wo sein Onkel das Gasthaus "Löwen" betreibt. Doch was könnte ihn zu der Tat getrieben haben?Noch immer wird darüber spekuliert. Nicht wenige, die den Bäcker für unschuldig halten, solange er nicht gesteht oder die Polizei zwingende Beweise vorlegt, glauben, dass dem Manne per Gerücht auch manches ausgewischt werden soll.

Ohne ihn, den seit kurzem geschiedenen Vater zweier erwachsener Töchter und eines 13-jährigen Jungen, signalisiert der Familienbetrieb gestern auf seine Art Solidarität: Die Bäckerei ist geöffnet. Tägliche Arbeit mit zusammengebissenen Zähnen und geröteten Augen.Als offenes Geheimnis gilt in Siegelsbach, dass der Bäcker es beruflich in jüngster Zeit nicht leicht gehabt hat. Lieferverträge mit mehreren Bad Rappenauer Kurkliniken sind ihm weggebrochen. Für zwei neue Backöfen musste er eine hohe Summe investieren.

Vor dem Siegelsbacher Bürgerzentrum: Fahne auf Halbmast. Steffan Maurhoff

Hinzu kam auch noch Konkurrenz am Ort: Eine auswärtige Bäckereifiliale eröffnete direkt gegenüber der Firma Mann und Schröder, des größten Siegelsbacher Arbeitgebers.Seit das Dorf durch den Raubüberfall bundesweit traurige Berühmtheit erlangt hat, machen seine Bewohner auch Bekanntschaft mit jener Medienwelt, die bis vor wenigen Tagen noch nicht einmal von der Existenz Siegelsbachs wusste. Bisweilen mit ruppigen Methoden - und Geldangeboten - wühlen wildfremde Journalisten nach neuen Sensationen. Ein weiterer Umstand, der das ohnehin traumatisierte Dorf einfach nicht zur Ruhe kommen lässt.

 

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