Stadtbahnbetreiber: Sicherheit an Haltepunkten reicht aus

Leingarten - Nach dem zweiten tödlichen Unfall an einer Stadtbahnhaltestelle binnen eines Monats in Leingarten sieht die Betreibergesellschaft AVG keinen Grund, die Sicherheitsstufen zu erhöhen. Eine 76-jährige Frau war am Mittwoch von einem Eilzug erfasst worden, als sie den Übergang querte, obwohl die Fußgängerampel auf Rot stand und das Warnsignal bimmelte

Von Carsten Friese

Leingarten - Zwei tödliche Stadtbahnunfälle binnen eines Monats in Leingarten. Zwei Mal wurden unaufmerksame Fahrgäste beim Queren des Gleisüberwegs vom Stadtbahn-Eilzug erfasst. Die Diskussion flammt wieder auf: Reicht die Sicherheit an den Haltepunkten aus?

Zweierlei Vorschrift

„Das wäre in Weinsberg nicht passiert.“ Ein Leingartener Stadtbahnnutzer verweist auf eine Schranke, die in Weinsberg den Zugang zum Gleis sichert. Dort ist diese gesetzlich Vorschrift, weil auf der Strecke auch Regionalexpress und Güterzüge fahren.

Für Siegfried Lorenz, den technischen Leiter der Albtalverkehrsgesellschaft (AVG), sind die zwei tödlichen Unfälle in Leingarten zwar tragisch. Einen Anlass, die Sicherheit zu erhöhen, sieht er aber nicht. In beiden Fällen zeigte die Fußgängerampel am Gleisüberweg rot, ein lautes akustisches Signal warnte vor dem nahenden Eilzug. „Ich glaube nicht, dass durch weitere technische Sicherheitsstufen ein Augenblicksversagen von Menschen zu verhindern gewesen wäre“, sagt Lorenz.

Mit Tempo 90 war der Eilzug in den Bahnhof gefahren. Die Vollbremsung, die doppelt so stark wie bei normalen Zügen ist, reichte nicht aus. „Die Frau wollte zum Bus und hat das Rotlicht und das akustische Signal offenbar übersehen und überhört“, fasst Polizeisprecher Peter Lechner zusammen.

Genau in diesem Punkt setzt Verkehrssicherheitsingenieur Franz Schilberg aus Bergisch-Gladbach kritisch an, der von dem Tod der 76-Jährigen im Internet erfuhr. „An einen Haltepunkt, an dem Eilzüge durchfahren, gehört eine Schranke hin“, fordert er. Die Bahnbetreiber denken seiner Ansicht nach „in Normen, nicht in Menschen“. Wenn Fahrgäste beim Gleisübergang eine Kurve gehen, „blicken sie auf den Boden“.

Die Rotlichtzeichen stünden in rund 2,60 Meter Höhe „verdammt hoch“. Auch der akustische Warnton reiche nicht aus. „Wer weiß schon, was er bedeutet?“ Aus Sicht des Ingenieurs verzichten Betreiber aus Kostengründen auf Schranken. „Man muss doch mit dem kritischsten Fall rechnen“, verweist er auf Schwerhörige oder Unachtsame.

Krisengespräch

Auch Schranken verhindern tödliche Unfälle nicht zwingend, blickt Siegfried Lorenz auf die Praxis. „Wer über die Gleise will, geht auch rüber.“ Er sieht die Sicherheit an Bahnsteigen als ausreichend an, die dem Gesetz entspricht. Das sieht auch Gerhard Gross so, Geschäftsführer des Verkehrsverbundes HNV: „Wir haben hohe Sicherheitsstufen. Natürlich kann man immer noch was draufsatteln, aber das kann auch umgangen werden.“ Gross zieht Vergleiche mit Straßen. „Warum beschrankt man dann nicht auch Zebrastreifen?“

Leingartens Bürgermeister Ralf Steinbrenner hat der AVG einen Brief mit der Bitte um ein Gespräch geschrieben, um die Unfälle zu diskutieren. „Die Sicherheit und die Akzeptanz der Stadtbahn sind uns wichtig“, betont er. Als kostengünstigste Verbesserung sieht Steinbrenner, wenn der Eilzug in Leingarten am Bahnhof halten würde. „Dann hätte er im Ort bei Weitem nicht die Geschwindigkeit.“ In Heilbronns City, wo die Stadtbahn quer durch die Fußgängerzone fährt, ist maximal Tempo 20 erlaubt, im Rest der Stadt maximal 50. Auch Schranken für Fußgänger sieht Steinbrenner als Option. Hier kann er sich vorstellen, dass sich die Gemeinde an den Kosten beteiligt, „wenn es sich im akzeptablen Rahmen bewegt“.


Stimmen von Fahrgästen in Leingarten
 
Renate Streka (64): "Im Straßenverkehr muss man aufpassen. Die Warnsignale am Bahnsteigüberweg reichen aus. Das rote Licht sieht man und den Ton hört man auch gut."
 
Abdullah Yaziciaglu (31): "Die Unfälle häufen sich. Man sollte sich Gedanken machen, ob es technische Alternativen gibt, um die Sicherheit zu verbessern. Wenn man mit dem Handy telefoniert oder mit einem MP3-Player Musik hört, ist man nicht mehr zu 100 Prozent konzentriert. Vor allem Kinder sind ja nicht berechenbar."
 
Alexander Wagner (18): "Die Warnsignale müssten eigentlich ausreichen, aber es gibt eben Fälle, in denen Menschen die Signale nicht sehen oder nicht sehen wollen. Man muss auf sich aufpassen. Trotzdem wären Schranken sinnvoll, um die Sicherheit zu verbessern, oder Ein-Euro-Jobber, die vor einfahrenden Zügen warnen. Das würde auch neue Jobs schaffen."
 
Eine 78-Jährige, die ungenannt bleiben möchte: "Viele gehen doch auch bei Rotlicht drüber, das ist vor allem bei der Jugend ganz schlimm. Den Alarmton hört man, den höre ich sogar bis zu meiner Wohnung. Eigentlich reicht die Technik aus, höchstens zur Sicherheit wäre eine Schranke noch gut."