Eine neue Dimension von Antisemitismus

Heilbronn/Paris  Nicht nur in Frankreich wächst bei Juden die Furcht vor Übergriffen. Die Zahl antisemitischer Straftaten hat im vergangenen Jahr in Deutschland stark zugenommen.

Von unserem Redakteur Jens Dierolf

Eine neue Dimension von Antisemitismus

Foto: dpa

Das Video dauert 90 Sekunden. Zvika Klein, ein israelischer Reporter, ist mit einer Kippa, der jüdischen Kopfbedeckung, durch Paris gelaufen und hat sich filmen lassen. Die Aufnahmen dokumentieren ein beängstigendes Zeugnis von offen ausgelebtem Judenhass − vor allem von jungen, radikalisierten Muslimen in den Banlieus, den Problemvierteln der französischen Hauptstadt. Klein wird bespuckt, beleidigt, bedroht und verhöhnt − nur weil er sich zu seinem Glauben bekennt.

Innerhalb kurzer Zeit ist vieles zusammengekommen: der Terroranschlag auf einen koscheren Supermarkt in Paris, die Ermordung eines jüdischen Wachmanns in Dänemark, in Oldenburg und in Sarre-Union im Elsass wurden jüdische Friedhöfe geschändet. Erst einige Monate zurück liegen der Anschlag auf das jüdische Museum in Brüssel und ein Amoklauf an einer jüdischen Schule in Toulouse.

"Man hat das Gefühl, es sind Skrupel gefallen", sagt Avital Toren, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Heilbronn. Anfeindungen und Übergriffe habe es schon seit Jahren immer wieder gegeben. Doch inzwischen sei eine neue Dimension erreicht worden. Die militärischen Erfolge des Islamischen Staates (IS) hätten sicher einen Anteil daran, glaubt Toren.

Ängste

In Frankreich hat sich die Zahl antisemitscher Übergriffe im Vorjahr gegenüber 2013 verdoppelt, die Zahl der Auswanderer nach Israel steigt rasant.  Deutschlandweit nahm die Zahl antisemitischer Straftaten nach Angaben der Amadeu Antonio Stiftung 2014 um etwa zehn Prozent zu − von 788 auf 864 –registrierte Fälle. Das Bedrohungsgefühl in den jüdischen Gemeinden, sagt Jan Riebe, Projektleiter der Stiftung, sei zuletzt stark gewachsen.

Eine neue Dimension von Antisemitismus

Dass Radikal-Islamisten bei Anschlägen − wie in Frankreich − nicht einmal vor Schulen oder jüdischen Kleinkindern zurückschreckten, ängstige viele. Antisemitische Äußerungen würden häufiger als früher in der politischen Mitte geduldet.

Wenn Bernd Sommer, der Vorsitzende der deutsch-israelischen Gesellschaft (DIG) Heilbronn-Unterland, über die Situation in Frankreich spricht, dann holt er weit aus. Die Stimmung dort erinnere ihn an die Dreyfus-Affäre − ein Justizskandal des Jahres 1894 bei dem der jüdische Hauptmann Alfred Dreyfus mit gefälschten Beweisen des Landesverrates verurteilt wurde. Ende des 19. Jahrhunderts, sagt Sommer, sei der Antisemitismus im Nachbarland tief im erzkonservativen, monarchistischen Milieu verwurzelt gewesen. "Auch jetzt ist das Gefühl wieder weit verbreitet, Frankreich ist nicht in der Lage, seine jüdischen Bürger zu schützen", sagt er. Antisemitismus sei insbesondere bei vielen Einwanderern aus dem Maghreb salonfähig geworden.

Die Situation in der Region Heilbronn hält der DIG-Vorsitzende nicht mit der im Nachbarland vergleichbar. Anfeindungen jüdischen Bürgern gegenüber gebe es aber immer wieder. Sommer erinnert sich an ein jüdisches Channuka-Lichterfest in Heilbronn, bei dem vor vier oder fünf Jahren jemand aus einem Auto "Scheiss Juden" gebrüllt habe. 2007 warfen Unbekannte am jüdischen Friedhof in Sontheim Grabsteine um und schmierten Hakenkreuze an eine Mauer.

Auswanderung

Weil sich in Europa das Bedrohungsgefühl verstärkt hat, rief Israels Premier Benjamin Netanjahu nach dem Anschlag von Kopenhagen sogar zur Aliyah, zur Auswanderung der Juden nach Israel auf. "Nicht hilfreich", findet Sommer die Äußerung, die er als Wahlkampfmanöver bezeichnet. "Es gibt keinen hundertprozentigen Schutz gegen Terror. Auch nicht in Israel."

Netanjahus Aussage will Elisabeth Gross denn auch nicht überbewerten. Dass Israel allen Juden weltweit als Heimat offensteht, gehöre zum Selbstverständnis des Staates, sagt Gross, die Schatzmeisterin der DIG ist. Neben den militärischen Erfolgen der Terrormiliz IS sieht die Heilbronner Jüdin auch anti-israelische Propaganda während des Gaza-Kriegs als Grund für wachsenden Antisemitismus.

In sozialen Netzwerken, aber auch in einigen Medien, würden Tatsachen verdreht: Dass Israel sich gegen Raketenangriffe aus dem Gazastreifen verteidigt hat, dass die palästinensische Zivilbevölkerung vor israelischen Angriffen gewarnt wurde, oder dass die Hamas Zivilisten daran gehindert hat, sich in Sicherheit zu bringen − all das werde oft unterschlagen. "Die Hamas war für die hohe Opferzahl verantwortlich", sagt Gross. Einige Entwicklungen bereiten ihr Sorgen. Wenn auf Demonstrationen Sätze wie "Juden ins Gas" fielen, ohne dass die Sicherheitskräfte einschritten, oder wenn dies im Einzelfall juristisch nicht als Völkerverhetzung eingestuft werde, dann sei das schockierend. Sie habe großes Vertrauen in die Sicherheitskräfte, aber bei solchen Fällen bleibe ein mulmiges Gefühl.

Wie also mit Antisemitismus und der Bedrohung durch Radikalislamisten umgehen? Riebe hält die jüdischen Einrichtungen in Deutschland im europäischen Vergleich für gut gesichert. Hundertprozentigen Schutz könne es nicht geben.

Prävention

Bernd Sommer ist es wichtig, in der Öffentlichkeit Verständnis für Israel zu wecken. Auch deshalb hat er sich für die Gründung der DIG Heilbronn Unterland eingesetzt. Prävention vor einer Radikalisierung von Muslimen sei wichtig. Gerade im Alter zwischen 13 und 17 Jahren sieht er die Gefahr am größten an, von Heilsbringern auf die falsche Bahn gebracht zu werden.

Womöglich, sagt er, wachse mit der Gefahr, die von gewaltbereiten Islamisten auch in Deutschland ausgeht, das Verständnis für Israel. Denn im Judenstaat ist dieses Bedrohungsgefühl seit Jahrzehnten Realität. Avital Toren plädiert für eine gute Integration von jungen Muslimen in Deutschland. Ihr ist es wichtig, dass man vor Judenhassern nicht kapituliert. "Man kann mit Angst nicht leben", sagt sie. "Ich lasse mir mein Leben von denen nicht kaputt machen."

 

Mehr Straftaten aus Judenhass

Hakenkreuzschmierereien an Synagogen, Judenhetze auf Demonstrationen, die Schändung von jüdischen Friedhöfen: Die Zahl antisemitischer Straftaten hat im vergangenen Jahr in Deutschland stark zugenommen. Wurden 2013 noch 788 Fälle gezählt, waren es 2014 insgesamt 864 − ein Anstieg um rund zehn Prozent. Das teilte die Amadeu Antonio Stiftung auf Stimme-Anfrage mit. Die Stiftung beruft sich dabei auf Zahlen der Bundesregierung, die bislang noch nicht veröffentlicht wurden.

Auswanderung Vor allem in Frankreich gab es in den vergangenen Monaten einen Aufschrei wegen einer Häufung körperlicher Übergriffe auf jüdische Bürger. Die Zahl jüdischer Auswanderer aus Frankreich nach Israel hat sich 2014 gegenüber dem Vorjahr verdoppelt. Eine ähnliche Tendenz lässt sich in Deutschland statistisch nicht nachweisen. Doch Jan Riebe, Projektleiter bei der Amadeu Antonio Stiftung in Berlin, spricht von einem wachsenden Bedrohungsgefühl in den jüdischen Gemeinden in Deutschland.

Auch die aktuellen Anschläge gegen Juden in Paris und Kopenhagen und die militärischen Erfolge der Terrormiliz Islamischer Staat macht Riebe für die wachsenden Ängste verantwortlich. Jüdische Einrichtungen in Europa seien zu einem zentralen Terrorziel von Radikal-Islamisten geworden.

Eine Studie des Zentrums für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin belegte im Januar, dass es eine hohe Zahl antisemitischer Anfeindungen gibt, die nicht erfasst werden. Jan Riebe hält es für bedenklich, dass es nur eine sehr niedrige Aufklärungsquote gebe. "Bei immerhin 1076 Straftaten gab es nur elf Festnahmen und kein einzigen Haftbefehl."

Region Avital Toren, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Heilbronn, hat ebenfalls ein erhöhtes Bedrohungsgefühl unter jüdischen Bürgern in der Region Heilbronn festgestellt: Manche Gemeindemitglieder hätten Angst, in die Stuttgarter Synagoge zu gehen. Anfeindungen habe es immer wieder mal gegeben. "Gerade ballt sich aber etwas zusammen", sagte sie.