Zwischen Gelassenheit und großer Sorge

Region Heilbronn - Im politischen Berlin ist die Aufregung groß: Wie soll man dem Internetgiganten Google begegnen, der sein Straßenpanorama-Programm Street View im Herbst in 20 deutschen Städten starten will?

Von Carsten Friese

Zwischen Gelassenheit und großer Sorge

"Man muss nicht immer gläserner werden."

Hausbesitzer Ralf Kleber

Region Heilbronn - Im politischen Berlin ist die Aufregung groß: Wie soll man dem Internetgiganten Google begegnen, der sein Straßenpanorama-Programm Street View im Herbst in 20 deutschen Städten starten will? Was soll, was muss aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes klar geregelt oder eingeschränkt werden?

Wer bei Hausbesitzern in der Region nachfragt, erlebt die volle Bandbreite der Meinungen. Ein Stimmungsbild zwischen Gelassenheit und großer Sorge. Noch gibt es keine Pläne, wann in Heilbronn, Neckarsulm oder Bad Wimpfen die Straßenzüge in 360-Grad-Ansicht virtuell zu durchwandern sind. Doch der Leingartener Ralf Kleber (42) hat beim Gedanken daran ein schlechtes Gefühl. "Weil die Privatsphäre gestört wird, weil jeder Einsicht hat in meine Umgebung und Dinge ausspähen kann." Widerspruch einlegen? Er tendiert dazu. "Man muss nicht immer gläserner werden."

Vorteile sehen
 
Der Nordheimer Maik Rensmeyer (45) versteht dagegen die Aufregung um Street View nicht. Ein Haus habe vier Seiten. "Man gibt doch nicht mehr preis als das, was auch ein Spaziergänger sieht", glaubt er nicht an eine Steilvorlage für Kriminelle. Als Vorteil sieht er am Programm, dass man sich gut orientieren könne, "wenn ich etwas suche". In Deutschland sehe man "nur noch das Negative". Dabei gebe es wichtigere Themen wie Gesundheitswesen oder Rente.

In Lehrensteinsfeld sieht Melanie Dieterich (39) die Diskussion gelassen. Ob ein Foto vom Haus im Internet stehe oder man vorbeifahre, "ist doch kein großer Unterschied". Sie könnte sich für ihr Weingut sogar vorstellen, dass das Projekt Kunden bringe. Im Bekanntenkreis sei Street View kein großes Thema.

Keine Bedenken

Das eigene Haus sei doch eh schon im Internet, mit Google von oben, macht sich auch die Lehrensteinsfelderin Verena Kleinknecht (56) keine großen Sorgen. Im Ort gingen nachts um ein Uhr die Straßenlaternen aus − da könnten Einbrecher problemlos alles auskundschaften und brauchten kein Street View. Menschen aber, fordert sie, sollten überall unkenntlich gemacht werden.

Im Heilbronner Osten, einer Wohngegend der Mittel- und Oberschicht, ist eine 62-jährige Hausbewohnerin "eindeutig dagegen". Ihren Namen will sie nicht nennen. Doch mit Blick auf Einbrüche in der Nachbarschaft und Diebstähle aus Handwerkerautos findet sie die Street-View-Pläne "nicht in Ordnung". Man müsse doch nicht zeigen, "wo man einbrechen kann oder wie viel Geld die Leute vielleicht haben". Auch sie und ihr Mann denken über einen Widerspruch nach.

Der ist für den Heilbronner Jörg Ziefle (43) dagegen kein Thema. Die Menschen gäben "so viel von sich in sozialen Netzwerken preis" − da sieht er Kritik an dem Straßenbildprogramm als klaren Widerspruch. Kriminelle "brauchen Street View nicht", ist er überzeugt.

Auf etwa zwei Dutzend Anfragen von Hausbesitzern, die sich seit der Diskussion um das Straßenbildprogramm beim Haus- und Grundeigentümerverein Heilbronn und Umgebung gemeldet hätten und gegen eine Veröffentlichung vorgehen wollten, verweist Anwalt Ludwig Zürn. Der Verein hat Musterschreiben für einen Widerspruch vorrätig. Zürn sieht Street View kritisch, weil man "über jeden Zaun und jede Mauer" sehen könne. Er hat bei Google bereits Widerspruch eingelegt.

Eine Umfrage unserer Zeitung in Hohenlohe ergab: Hier war eine knappe Mehrheit der Befragten gegen das Straßenbildprojekt.