Stadtbahngäste müssen in Kälte aussteigen

Von unserem Redakteur Carsten Friese

Fahrgäste perplex: Vor Ziel aus Stadtbahn verwiesen
Harte Zeiten für Fahrgäste: Wenn die Stadtbahn Verspätung hat, leiden Wartende bei den aktuellen Minusgraden. Die Bahnsteige bieten keinen Schutz.Foto: Sawatzki 

Region - Die 20-Jährige war verdutzt. Und kam sich verschaukelt vor. Als in ihrer Stadtbahn von Heilbronn nach Öhringen am Freitagabend die Durchsage kam, der Zug ende wegen Verspätungen in Obersulm-Eschenau, musste die Studentin Anne Käsinger wie andere Fahrgäste auf den kalten Bahnsteig aussteigen. Die nächste Stadtbahn käme in wenigen Minuten, hieß es.

Wie lange sie bei Minusgraden warten musste, weiß Anne Käsinger nicht. Vielleicht 15 oder 20 Minuten. Dass man als Fahrgast vor dem Endziel bei Eiseskälte quasi rausgeworfen wird, fand sie "unmöglich". Zumal sie bereits zuvor auf die verspätete Stadtbahn gewartet hatte.

Ist das normal? Ein Ansatz, um Verspätungen zu verringern, weil es im fragilen System nicht anders geht? Auf Kosten Frierender?

Systemfrage

Reinhard Rothfuß, Betriebsleiter der Albtal-Verkehrsgesellschaft (AVG), bestätigt das Vorgehen. Es gebe solche "Verspätungskürzungen". Dies erfolge in Einzelfällen und nur, wenn eine Stadtbahn in Kürze folge und Kunden "nicht zu lange warten müssen". Rothfuß verteidigt den Ansatz, um Verspätungen als Folge von Störungen abzubauen. Auch in der Gegenrichtung würden Menschen in der Kälte warten. "Das ganze System muss funktionieren."

Nach Rothfuß’ Angaben entschied die Leitstelle, die Stadtbahn in Eschenau "zu kappen" und auf dem Gegengleis planmäßig Richtung Eppingen fahren zu lassen. Dass die Folgestadtbahn nach Öhringen jedoch auch über 20 Minuten Verspätung hatte, wie er feststellte, überrascht den Betriebsleiter. "Unglücklich" nennt er diese Entscheidung. "Das war nicht richtig."

Aktuelle Verspätungen erklärt Rothfuß mit der klirrenden Kälte. Er nennt die empfindliche Türsteuerung: Türen gingen zum Teil immer wieder auf, da das Sicherheitsschutzgummi hart werde. Die wenigsten Stadtbahnen stehen nachts in Hallen, viele parken an der Strecke. Eine Art Vorheizung läuft zwar über Nacht als Gefrierschutz, doch erst die Stadtbahnführer schalten morgens die Heizung an und bringen die ausgekühlten Wagen auf Temperatur. "Bei etwa zehn Prozent der Fahrten hatten wir Probleme", sagt Rothfuß. Teilweise mussten Fahrer Türen per Hand schließen.

Fahrplantest

Bei minus 14 Grad stehen Stadtbahnkunden gestern Morgen frierend am Bahnsteig Leingarten-Bahnhof. Ein Test ergibt: Vier Bahnen zwischen 7.10 und 7.55 Uhr nach Heilbronn haben zwischen sieben und zehn Minuten Verspätung. Eine Bahn ist übervoll, die nächste kommt drei Minuten später. Immerhin. In der Kälte warten "nervt schon", sagt Schüler Benedikt (12). Auf 15 Minuten Verspätung am Montag verweist Anna (13). Die Tage zuvor sei es "okay" gewesen.




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