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Qualität mit Brief und Siegel
Von Rolf Muth
Bönnigheim - Strom aus flexiblen, in die Jacke eingenähten Solarpaneels, die Handy und MP3-Player mit Energie speisen oder die Jacke des Straßenarbeiters im Winter mit Wärme versorgen. Eine Matratze, die ohne Chemie und Biozide mittels eingebautem thermischem Verfahren Milben killt. Nanotechnologie, die den UV-Schutz in der Kleidung extrem erhöht oder für ein den Schmutz abweisendes Textil sorgt. Von diesem Fortschritt hätte der Bönnigheimer Ingenieur Otto Mecheels 1946 kaum zu träumen gewagt.
Grundstein Damals legte der Professor den Grundstein für die Hohenstein-Institute auf Schloss Hohenstein im gleichnamigen Bönnigheimer Stadtteil. Drei Jahre später, am 4. November 1949 - also vor 60 Jahren - folgte die Gründung der Lehranstalten für den Textileinzelhandel. 1996 wurde die Arbeit der Technischen Akademie Hohenstein eingestellt. Mit zunehmender Produktion in Fernost, so Professor Josef Kurz, war der Ausbildungsbedarf für Bekleidungstechniker nicht mehr gegeben. Trotzdem biete Hohenstein weiterhin ein breites Spektrum an praxisorientierten Seminaren, unterstreicht der 77-Jährige.
Textile Innovationen, unabhängige Zertifizierungen, Forschung, Weiterbildung - heute gehören die Hohenstein-Institute zu den weltweit bedeutendsten Forschungsinstituten im textilen S7ektor. Die Zusammenarbeit mit anderen Forschungseinrichtungen aus den Bereichen Elektronik, Mikrosystemtechnik oder Medizin ermöglichen ganz neue Anwendungsmöglichkeiten für Textilien. Gerade hier hat Hohenstein jetzt den nächsten Quantensprung geschafft: Der Biotechnologe Gregor Hohn hat eine therapeutische Wundauflage zur Heilung chronischer Wunden entwickelt, an denen vier Millionen Deutsche leiden. Die neuartige Depotfaser kann therapeutische Wirkstoffe aufnehmen und sie dosiert auf die Wunde abgeben. Ein Durchbruch bei der Wundversorgung, der mit dem Innovationspreis Textil und Mode 2009 belohnt wurde.
"60 bis 70 Prozent unserer Arbeit findet allerdings im Dienstleistungsbereich statt", sagt Rose-Marie Riedl, Leiterin der Unternehmenskommunikation. Bis zu welchen Außengraden ist der Schlafsack brauchbar? Das lässt sich in der Kältekammer bei bis zu minus 25 Grad prüfen. Wie atmungsaktiv ist die Sportkleidung? Wie stark schwitzt man auf dem Autositz? Mit seinem "schwitzenden Hautmodell" kann Hohenstein ohne Probanden den Komfort verwendeter Stoffe testen. "Damit tragen wir dazu bei, die Produktentwicklungskosten bei den Herstellern wesentlich zu reduzieren", sagt Professor Karl-Heinz Umbach, der jetzt nach 33-jähriger Tätigkeit am Institut in den Ruhestand verabschiedet wurde. Die Versuchspuppe Charlene wird zum Test von Bettwäsche eingesetzt. Fabienne Schmid legt die Datenkabel an. 44 Sensoren messen, wo es zu Unterkühlung oder Überhitzung kommt.
Testpersonen Ohne lebende Modelle geht es nicht. Vom Kind bis zur Großmutter: In der Bekleidungstechnik werden die 150 verfügbaren Versuchspersonen einbestellt, die Aussagen über den Tragekomfort treffen müssen. Kneift die Arbeitshose des Dachdeckers? Das Businesshemd - ist es für die Serienproduktion reif? Wird beim Schnitt nachgebessert? Muss das Regencape kürzer werden, damit es nicht in die Fahrradspeichen gerät? Mit den Probanden arbeiten Stephanie Müller und Gabi Baumgärtner zusammen. Sie werten die Erfahrungen aus, kommunizieren die Ergebnisse direkt mit dem Hersteller. Auch vor Ort in Fernost, wo sich die Mitarbeiterinnen ein Bild von Produktionsabläufen machen. Warenproben werden für Tests nach Bönnigheim transportiert. Weil auch Schadstoffe eine Rolle spielen. Und welcher Hersteller will schon eine peinliche Rückrufaktion starten?
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