Piratenpartei will Region erobern

Heilbronn - Erst vor zwei Monaten wurde der Kreisverband der Piratenpartei gegründet. Als Programmziele nennt der Vorsitzende Sebastian Sproesser "Frischen Wind, Transparenz, Bildung"

Von Helmut Buchholz

Klarmachen zum Ändern

"Das Internet ist unser Element. Darin fühlen wir uns wohl."

Remy Patzelt (27), Vorstandsmitglied Piratenpartei

Heilbronn - Samstagmittag in der Heilbronner Fußgängerzone: In der Fleiner Straße spielt eine Kapelle zünftige bayrische Blasmusik vor einem Modehaus. Nur wenige Meter weiter stört das die jungen Aktivisten der Piratenpartei an ihrem Informationsstand kein bisschen. Obwohl diese Blasmusik nicht gerade ihr Geschmack ist. Die Lieblingsband des Vorsitzenden Sebastian Sproesser des erst vor zwei Monaten gegründeten Kreisverbandes sind Die Ärzte − Punkmusik.

Alt und Neu, Jung und Alt: Aus diesem Gegensatz speist sich durchaus die "Kernkompetenz" der politischen Neueinsteiger. Sproesser und seine Mitstreiter fühlen sich zwar immer noch als Exoten im Geschäft der etablierten Parteien. "Aber wir wollen jetzt die Parlamente erobern. Auch hier im Land. Berlin war nur die Initialzündung", sagt der 30-Jährige. Klarmachen zum Ändern. Fragt sich bloß, was?

Frischer Wind

Wer den Vorsitzenden fragt, was die Programmziele sind, bekommt zur Antwort: "Frischer Wind, Transparenz, Bildung." Genau in der Reihenfolge. Der Informatiker räumt ohne zu zögern ein, "dass ich wenig Ahnung habe, wie Wirtschaft auf Bundesebene funktioniert". Auch konkrete Änderungswünsche für die regionalen Verhältnisse gibt es nicht. Die Piraten spüren dennoch, dass sie mit ihrem Bekenntnis zu den politischen Lücken nun ernster genommen werden. "Der Zulauf an unserem Stand hier in der Fußgängerzone ist groß", sagt Remy Patzelt (27), Beisitzer im Vorstand. Aus der früheren "losen Gruppe in Heilbronn", wie sie Sproesser nennt, sind nun rund 50 bis 60 Aktive in der Partei geworden. Hauptsächlich junge Männer. Warum so wenige Frauen? Der Vorsitzende zuckt die Schultern. "Das frage ich mich auch." Eine Frauenquote lehnt die Partei jedoch strikt ab. "Das hat was mit Zwang zu tun", sagt Patzelt. "Und Zwang ist nicht gut."

Kann es vielleicht sein, dass sich diese jungen Freibeuter der weltweiten Internetmeere zu großen Teilen aus Computerfreaks rekrutieren? Dieses Metier ist immer noch eine Männerdomäne. Wieder zuckt Piratenchef Sproesser mit den Schultern: "Mir ist das Geschlecht egal." Allerdings würde er sich und die Mitglieder der Partei durchaus als "digital natives" bezeichnen. Zu Deutsch etwa: digitale Eingeborene. "Das Internet ist unser Element", stellt Remy Patzelt klar. "Darin fühlen wir uns wohl." Man möchte anfügen: mehr als alle anderen Parteien.

Rebellen

Das Problem ist nur: Die anderen Parteien haben das noch nicht verstanden. Zum Beispiel die Grünen, denen die Piraten wohl am nächsten stehen. Kreisvorsitzender Sproesser sagt: "Die Grünen waren die letzten Rebellen." Diesen Job haben nun die Piraten übernommen. Während die grüne Berliner Spitzenkandidatin noch am Wahlabend im TV beteuerte, sie schaue auch ins Internet, würde ihr Sproesser heute entgegnen: "Aber wir benutzen es. Effektiv. Wir sind damit aufgewachsen." Die Piratenpartei besetzen so eine Nische, die sich aus der Entfernung der jüngeren zur älteren Generation auftut. Sie baut eine Brücke. Ihre Mitglieder nutzten soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook zwar intensiv, aber nicht kritiklos. "Der Dreck muss aus dem Internet raus", versichert Sproesser. Das würden auch andere Parteien wollen. Aber die Piratenpartei wisse, wie das geht.

Erfolge, Ursprünge

Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg erreichte die Piratenpartei noch rund zwei Prozent. Mit den mehr als acht Prozent, mit denen sie nun in den Berliner Senat einziehen, sind sie im Aufwind. Wenn am Sonntag Bundestwagswahl gewesen wäre, hätten sie laut ZDF-Politbarometer vier Prozent bekommen. So viel wie die FDP. Die Ursprünge der Piratenpartei liegen in Schweden, wo man illegales Herunterladen von Daten aus dem Internet verbieten wollte. Eine Rolle spielte auch die Internetplattform namens Pirate Bay, daher auch der Name: Piratenpartei.