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Nord-Süd-Gefälle bei Antibiotika
Von unserem Redakteur Carsten Friese
Heilbronn - Die Nachrichten überschlagen sich, der Verbraucher ist verunsichert. Bundesministerin Ilse Aigner (CSU) will den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast stark einschränken und die Bundesländer zu einer strikteren Überwachung anhalten. Ziel ist, die Entwicklung von gefährlichen Resistenzen bei Menschen gegen Antibiotika vorzubeugen.
Antibiotika-Einsatz in der Massentierzucht ist nichts Neues. Doch neue Zahlen aus Norddeutschland über belastetes Hähnchenfleisch und weit verbreitete Antibiotikagaben in Hühnerbeständen untermauern Handlungsbedarf.
Krankheitsdruck
Die öffentliche Aufregung verstehen kann Harald Gurr (48), Hähnchenmäster aus Heilbronn-Biberach. Aber: Im Südwesten sei die Situation anders, der nächste Hähnchenmäster liegt von ihm rund 50 Kilometer entfernt. In Norddeutschland, wo teilweise Großbetrieb neben Großbetrieb liege, sei der "Krankheitsdruck weitaus größer als bei uns". Es gebe Fälle, in denen auch er Antibiotika einsetzt, weil man verhindern müsse, "dass der gesamte Bestand erkrankt". Aber: "Da kommt bei mir der Tiergesundheitsdienst Stuttgart, eine staatliche Stelle, und entscheidet über eine Behandlung." Und: Es werde genau darauf geachtet, dass nicht der gleiche Wirkstoff wie bei menschlichen Antibiotika eingesetzt wird.
Regelmäßig kontrolliere das Veterinäramt Tiere und Bücher, auch vor jedem Abtransport zur Schlachtung. "Wir haben schärfere Gesetze als in anderen EU-Ländern", sagt Gurr. Bei ihm komme das Veterinäramt bei jedem Geflügel-Durchgang zweimal auf den Hof.
Dr. Walter Lehmann, Leiter des städtischen Veterinäramts, bestätigt eine relativ engmaschige Kontrolle und das System mit dem Geflügelgesundheitsdienst. Nach einer Antibiotikagabe müssten Wartezeiten eingehalten werden, in denen sich das Mittel im Tierkörper abbaut. Bis dahin, so Lehmann, "darf nicht geschlachtet werden". Aus seiner Sicht läuft das System ohne große Grenzüberschreitungen. Gäbe es häufiger unberechtigte Antibiotikagaben, "würden wir es merken".
Im Landkreis Heilbronn gibt es keine Hähnchenmäster, dafür zwei große Putenmastbetriebe. Auch Kreissprecher Hubert Waldenberger verweist auf die verpflichtende Dokumentation jeder Behandlung, auf Rückstandskontrollen. Sein Fazit: "Es gab bisher keine Probleme mit Antibiotika."
Preisfrage
Wie wird der Vorstoß von Ilse Aigner bewertet? Hier halten sich die Veterinäre zurück. Aber: Ob multiresistente Keime "wirklich aus der Tierhaltung kommen", werde schon lange diskutiert, sagt Walter Lehmann. Es sei ein komplexes Thema. Weniger Antibiotikaeinsatz wäre aus seiner Sicht "in Ordnung". Dies ginge, wenn Mäster weniger unter Preisdruck stünden, das biologische Potenzial von Tieren bis zum Letzten auszureizen. Und wenn sie mit weniger Tieren arbeiteten. Dann müsste der Verbraucher aber auch bereit sein, beispielsweise einen Euro mehr für ein halbes Hähnchen zu zahlen.
Gottfried May-Stürmer, BUND-Regionalgeschäftsführer in Heilbronn, sieht dagegen auch in Baden-Württemberg "ein Vollzugsdefizit". Obwohl die Schwerpunkte der Massentierhaltung in Norddeutschland liegen, hat er Informationen, dass auch im Südwesten reisende Tierärzte unterwegs seien, die Rezepte ausstellten und gleichzeitig Antibiotika verkauften. "Das gibt es bundesweit." Der Geflügelgesundheitsdienst habe hier "kein Monopol", betont May-Stürmer. Wäre eine Antibiotika-Abgabe über diesen Dienst die einzige Möglichkeit, "wären wir schon einen großen Schritt weiter".
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