Kritiker verklagt Kirche

Heilbronn  Heilbronn - Der Streit um neue Glaskunstfenster in der Kilianskirche bekommt eine neue Qualität. Der Kölner Kunsthistoriker Dr. Cornelius Steckner hat beim Landgericht Stuttgart Klage gegen die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Heilbronn eingereicht.

Von unserem Redakteur Kilian Krauth

Kritiker verklagt Kirche
Cornelius Steckner sieht das Crodel’sche Glaswerk bedroht, aber auch das Gesamtkunstwerk Kilianskirche und die Wirkung des Hochaltars.Fotos: Archiv/Sawatzki

Heilbronn - Der Streit um neue Glaskunstfenster in der Kilianskirche bekommt eine neue Qualität. Der Kölner Kunsthistoriker Dr. Cornelius Steckner hat beim Landgericht Stuttgart Klage gegen die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Heilbronn eingereicht. Sie richtet sich gegen den geplanten Einbau elf moderner Fenster der Künstler Bernhard Huber und Xenia Hausner. Diese würden das von seinem Großvater Charles Crodel 1964 bis 1967 konzipierte Fensterwerk zerstören und damit das Gesamtkunstwerk Kilianskirche.

Streitwert

In einem zweiten Punkt klagt er gegen die Kirche, weil sie angeblich ihrer Unterhaltungspflicht nicht nachkommt. Der Streitwert liegt bei mindestens 600 000 Euro. Als ersten Termin für die mündliche Verhandlung nennt das aufs Urheberrecht spezialisierte Landgericht Stuttgart den 6. Juni. Falls die Kirche während des Verfahrens mit dem Einbau beginnt, beantragt Steckner ein Ordnungsgeld von 250 000 Euro und ersatzweise Ordnungshaft, die "an dem Herrn Dekan Otto Friedrich zu vollziehen" wäre, heißt es in der Klageschrift der Rechtsanwälte Schulze-Hagen & Horschitz (Mannheim).

"Ich bin überrascht. Wir werden uns nach einem Anwalt umschauen müssen", gibt Dekan Otto Friedrich auf Stimme-Anfrage zu verstehen. Mutmaßlich dürfte sich das 2009 ins Auge gefasste und auf 800 000 Euro veranschlagte Großprojekt erneut um ein Jahr verzögern. "Bevor keine Rechtsklarheit herrscht", ist es für Friedrich wenig sinnvoll, die Sache nochmals in den Kirchengremien zu diskutieren. Dies hatte er nach den jüngsten "Plagiats-Vorwürfen" gegen Hausner in Aussicht gestellt.

Steckners zweiter Vorwurf, man gebe die Kilianskirche "dem Verfall preis" nennt Friedrich "maßlos überzogen". Unabhängig davon habe die Kirchenpflege eine Spezialfirma mit einer Schadensanalyse beauftragt.

Friedrich ist nicht nur überrascht, er bedauert ausdrücklich, "dass es nicht zu einem Gespräch kam. So war es eigentlich vereinbart" gewesen: nachdem die Kirche auf Steckners bereits vor zwei Jahren geäußerten Ansprüchen zwei Rechtsgutachten in Auftrag gegeben hatte, die übereinstimmend zu dem Ergebnis kamen, dass solche Urheberansprüche auf alle Kilianskirchenfenster haltlos seien. Zuletzt hatte der Dekan den Kunstkritiker aufgefordert, auf seine Ansprüche bis Gründonnerstag, 31. März, zu verzichten. Sonst werde die Kirche "gegebenenfalls" eine Feststellungsklage anstrengen.

"Die Kirche hat mir die Pistole auf die Brust gesetzt." So interpretiert Steckner die ihm vor Weihnachten zugegangene Botschaft aus Heilbronn. "Deshalb muss ich mich jetzt wehren, nachdem alle inhaltlichen Argumente ins Leere gelaufen sind."

Steckners zentrale These, mit der inzwischen immer mehr Heilbronner sympathisieren: Die nach der Kriegszerstörung bis 1974 wiedererrichtete Kilianskirche und die 1964 bis 1967 gestalteten Fenster bilden ein Gesamtkunstwerk. Selbst die leeren Kathedralfenster hätten in dieser Gesamtkomposition einen wichtigen Platz. Durch ihre Farb- und Lichtwirkung werde das gotische Gotteshaus je nach Sonnenstand in eine "klösterliche Aura" getaucht. Dabei sei bei den vielen, überwiegend biblischen, aber auch lokalen Motiven nichts dem Zufall überlassen. Im Zentrum dieser Dramaturgie stehe das bedeutendste Kunstwerk der Stadt, der 500 Jahre alte Hochaltar von Hans Seyfer.

Steckner sieht in dem Baudenkmal auch ein Zeugnis des Wiederaufbaus. Jeder Eingriff berühre neben den Urheberrechten das Vermächtnis aller damals Beteiligten.

Glaskunst im Gotteshaus

In der Kilianskirche soll Bernhard Huber im Chor sechs Fenster mit abstrakten Motiven ausstatten. Für fünf Fenster im Südschiff entwarf Xenia Hausner einen Zyklus mit figürlichen Darstellungen. Kirchengremien haben den Entwürfen längst zugestimmt. Die Baugenehmigung liegt vor. Aspekte des Denkmalschutzes wurden hinter gottesdienstliche Belange zurückgestellt. Der Enkel des Künstlers Charles Crodel klagt nun die Urheberrechte fürs bestehende Fensterwerk ein. kra