Kriminalstatistik 2009: Mehr Gewalt, auch gegen die Polizei

Von Helmut Buchholz

Mehr Gewalt, auch gegen die Polizei
Heikle Festnahmen: Der Respekt vor der Uniform lässt nach. Polizisten werden zunehmend selbst zur Zielscheibe der Aggression.Foto: dpa 

Region  - Die Polizei in Stadt- und Landkreis Heilbronn bekam es im letzten Jahr mit 21 123 Straftaten zu tun. Hauptsächlich in Heilbronn nahmen die Fallzahlen um 4,4 Prozent auf 9224 zu. Die Anzahl der Straftaten im Landkreis lag 2009 mit 11 899 etwa auf dem Vorjahresniveau. Das Plus für Stadt- und Landkreis betrug rund zwei Prozent. Die Kriminalitätsquote nahm damit im Unterland genau so stark zu, wie sie im Schnitt in ganz Baden-Württemberg gefallen ist. Das Innenministerium und die Polizeidirektion Heilbronn legten am Freitag ihre Statistik für das Jahr 2009 vor.

Hohe Fallzahlen

Um den Grund für die gegenläufigen Trends auszumachen, muss Heilbronns Polizeisprecher Harald Schumacher tiefer ins Zahlenwerk eintauchen: "Wir haben eine Wahnsinnszunahme bei der Computerkriminalität, beispielsweise mit Betrügereien bei Internet-Versteigerungen." Allein einem Täter aus dem nördlichen Landkreis ordnen die Ermittler 300 Einzeltaten zu. Das treibt die Quote nach oben. Ebenso der Kreditkartenmissbrauch mit seinen hohen Fallzahlen. Sind die Stadt und der Landkreis unsicherer geworden? Polizeisprecher Schumacher schätzt die Gesamtsituation so ein: "Es ist nicht schlimmer und nicht besser geworden."

Vor allem nicht besser geworden ist es bei Gewaltdelikten. Gefährliche Körperverletzungen nahmen um 10,1 Prozent zu, die "einfachen" Körperverletzungen gar um 15,7 Prozent. Sorge bereitet der Polizei, dass diese Gewalt sich zunehmend auch gegen sie selbst richtet. 54 Mal zeigte im vergangenen Jahr ein Polizist einen Täter wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt an, 36 Mal wegen Körperverletzung.

Ausschlaggebend für diesen Trend ist die ungebrochen große Gewaltbereitschaft von Jugendlichen und Heranwachsenden. Sie ist wahrscheinlich sogar noch größer als es die Statistik darstellt. Denn, so die Erfahrung der Polizisten, Körperverletzungen werden nicht angezeigt − aus Angst vor Repressalien der Täter. Anzeigen werden unter jugendlichen Tätern und Opfern mitunter auch als Schwäche angesehen. Eine weitere bedenkliche Entwicklung: Die Ordnunghüter registrieren vermehrt Gewaltdelikte von Jugendlichen und Jugendgruppen mit Migrationshintergrund. Sie stellen, auch wenn der größte Teil der Täter in Deutschland geboren wurde und einen deutschen Pass hat, "eine Rückkehr zu den Werten und Normen der Herkunftsländer der Eltern" fest. Polizeisprecher Schumacher: "Verletzungen des persönlichen beziehungsweise ethnischen Wertbegriffs sind oftmals Anlass für Gewaltdelikte." Auch ungezügelter Alkoholgenuss verstärke die Problematik. 4835 Gewaltdelikte sind in der Statistik 2009 aufgeführt.

Täter verdrängt

Stark abgenommen hat die Zahl der Wohnungseinbrüche. Aus mehreren Gründen: 2009 nahm die Polizei einen Serientäter im Landkreis fest, der allein für 35 Einbrüche verantwortlich ist. Außerdem legten Fahnder in Hessen einer rumänischen Bande das Handwerk, die auch in Heilbronn auf Beutezüge gegangen war. Gut möglich, dass die Ermittlungsgruppen "Eigentum" und "Einbruch" die Täter verdrängt haben. Bestimmte Perso- nen seien weggezogen, "möglicherweise wurde ihnen der Boden hier zu heiß", so Schumacher. Abgenommen hat die Zahl der Tötungsdelikten. Von acht im Jahr 2008 auf sechs im vergangenen Jahr. 2007 waren es 18. So richtig freuen können sich die Ermittler aber nicht.

Heilbronner Fahnder waren noch bis Frühjahr 2009 in der Polizistenmord-Soko beim Landeskriminalamt gebunden. Der ungeklärte Tod von Artur Christ und der Mordfall Britta Bornemann in Wüstenrot-Neulautern hat die Polizei an ihre personelle Grenzen gebracht. Nach dem Personalabbau 2009 sorgen jetzt 800 Vollzugsbeamte für Sicherheit im Unterland.




Hintergrund: Holkriminalität

Als sogenannte Holkriminalität bezeichnet die Polizei die Delikte, die erst durch entsprechende Ermittlungen oder Kontrollen bekannt werden. Darunter fallen beispielsweise Rauschgiftkriminalität oder Leistungserschleichungen wie Schwarzfahren. Im Gegensatz dazu stehen Delikte wie Diebstähle sowie fast alle Fälle der Gewaltkriminalität und Betrug – davon erfährt die Polizei durch Anzeigen. Die Holkriminalität ist abhängig von der Intensität der polizeilichen Ermittlungen. Da die Polizei für diese Ermittlungen 2009 weniger Beamte zur Verfügung hatte, sei auch die Fallzahl bei der Rauschgiftkriminalität um 5,4 Prozent zurückgegangen, heißt es in der Kriminalstatistik: von 1003 Fälle 2008 auf 949 Delikte 2009. nia



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