Kein Bildschirm ins Kinderzimmer

Heilbronn - Kriminologe Christian Pfeiffer über die Leistungskrise männlicher Schüler

Von Franziska Feinäugle

Kein Bildschirm ins Kinderzimmer

"Machen Sie nicht den Blödsinn mit, Kindergärten mit Computern auszustatten."

Christian Pfeiffer

Heilbronn - Was muss passieren, damit von zwei Kindern derselben mathematischen Intelligenz das eine schon im Alter von acht Jahren schlechtere Noten schreibt? Es muss einen eigenen Computer oder Fernseher im Kinderzimmer haben. Auf diese vereinfachte Formel lassen sich die brisanten Forschungsergebnisse bringen, die der Kriminologe Christian Pfeiffer am Dienstagabend bei der Heilbronner Bürgerstiftung vorgestellt hat.

"Je mehr Zeit ein Kind vor dem Bildschirm verbringt und je brutaler die Inhalte sind, desto schlechter werden die Noten", zeigt der 65-jährige Wissenschaftler die Zusammenhänge auf. Die Gründe dafür sind inzwischen von der Hirnforschung belegt. Alles, was ein Mensch lernt oder liest, gelangt zunächst ins Kurzzeitgedächtnis und wird erst bis zu 16 Stunden später in den Langzeitspeicher übertragen. Die Bilder aus Filmen oder Computerspielen können nach stundenlangem Konsum so beherrschend sein, dass sie diesen Prozess blockieren.

Problemgruppe Jungen

Pfeiffers Zahlen sind von verblüffender Eindeutigkeit. Norddeutsche Kinder haben anderthalbmal so häufig eine eigene Spielkonsole im Kinderzimmer wie süddeutsche. Von den Kindern, deren Eltern beide Abitur haben, haben nur elf Prozent eine eigene Playstation; bei den Kindern von Eltern mit Hauptschulabschluss sind es 44 Prozent.

Außerdem haben Jungen sehr viel früher und reichhaltiger Medien im Zimmer als Mädchen, Zuwandererkinder haben deutlich häufiger eigene Spielkonsolen und Fernsehgeräte als deutsche. "Bei türkischen Jungen bündeln sich die Nachteile", fasst Pfeiffer zusammen: Sie kommen nach seiner Untersuchung auf 4,2 Stunden Medienkonsum an Wochentagen und sechs Stunden an Wochenenden, nur zwölf Prozent von ihnen wechseln nach der Grundschule aufs Gymnasium. Statistisches Gegenstück sind die süddeutschen Mädchen: 45 Minuten täglich am Bildschirm, deutlich höhere Gymnasialquote.

Lösungsansätze

"Wir müssen die Nachmittage vor allem der Jungen retten", fordert der Kriminologe und nennt Lösungsansätze. Keine Bildschirmgeräte ins Kinderzimmer - eine Botschaft, die in einem Reutlinger Modellprojekt jetzt unter den Eltern der Grundschüler verbreitet werden soll. Und: Lust auf Leben wecken. Die Kinder sollen Sport und Musik machen, denn "Musik und Bewegung fördern die Persönlichkeitsentwicklung und die Intelligenz". Musikschulen und Sportvereine seien da gefragt und sollten unterstützt werden.

"Machen Sie nicht den Blödsinn mit, Kindergärten mit Computern auszustatten", warnt Pfeiffer zum Schluss. "Da geht es um die Umsatzsteigerung der Computerverkäufer, nicht um die Kinder."

Kein Bildschirm ins Kinderzimmer
Computerspiele und Fernsehen sind Leistungskiller: Wer viel Zeit vor Bildschirmen verbringt, schreibt schon als Achtjähriger schlechtere Noten. Jungen sind um ein Vielfaches gefährdeter als Mädchen. Gegenmittel: Sport und Musik.Foto: dpa