Bei Dauerfrost ein Bad in der Jagst

Von unserem Redakteur Carsten Friese

Möckmühl - Er tut es wirklich. Während Normalsterbliche in diesen Tagen voll klirrender Kälte zum Teil sogar mit Mantel und Schal frieren, steigt ein Möckmühler mit einem Lachen auf den Lippen in ein Eisloch in die Jagst − in Badehose.

Was bei Spaziergängern die Kinnladen runterklappen lässt, ist für Hans Knorn Alltag. Zu jeder Jahreszeit geht der begeisterte Schwimmer in seinen Fluss, wenn nicht Dauerregen oder Hochwasser einen Strich durch die Rechnung machen. Rund 300 Tage im Jahr ist er dort im Wasser. Auch im eisigen Winter.

"Es ist meine Leidenschaft, es ist wie eine Sucht", sagt der 59-Jährige trocken. Ihn putscht auch ein kurzes Verweilen im eisigen Fluss auf. "Danach könnte ich die ganze Welt umarmen, es ist ein sehr gutes Körpergefühl", erzählt er.

Wer es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, kann es kaum glauben. Als Hans Knorn am Freitag gegen 11.30 Uhr in das freigehackte Eisloch steigt, bleiben nur Badehose und Mütze an seinem Körper. Er plaudert, er scherzt, als er bis zum Hals im ein Grad kalten Wasser liegt. Gänsehaut? Fehlanzeige. 2,30 Minuten bleibt er im Wasser, als wäre es ein Whirlpool. Dann steigt er an Land und trocknet sich in der minus sieben Grad kalten Luft in Seelenruhe ab. "Ah, war das gut", sagt er zufrieden. Es kommt gerade kein kalter Wind aus Ost − Glück gehabt.

Adrenalin

 Hat er einen Trick? Oder besondere Haut? Der 59-Jährige empfindet das Wasser nicht als kalt. Für ihn ist es einerseits "Kopfsache". Zum anderen ist er seit 19 Jahren zu jeder Jahreszeit in seiner Jagst. Sein Körper ist das Baden in kalten Fluten gewöhnt. Und: Eine Portion Adrenalin sei sicher auch im Spiel.

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Das war nicht immer so. Früher, da war der gelernte Koch, der in der Arztpraxis seiner Frau Praxismanager ist, "ein ganz normaler verwöhnter Warmduscher", wie er sagt. Dass sein Schwiegervater, Landarzt Dr. Walter Schmutz, täglich in kaltes Badewasser stieg, hat er nie verstanden. Bis zu einem Urlaub in Irland. Als seine Frau plötzlich ins 13, 14 Grad kalte Meer ging, versuchte Hans Knorn es auch. "Wie elektrischen Strom" empfand er das Wasser auf der Haut. Nach drei, vier Tagen Selbstversuch "fing es an, Spaß zu machen". Er blieb dabei. Und ist so gut wie nie krank.

Fassungslos

Rund eine Stunde braucht Knorn nach einem Eiswassergang, um wieder auf normale Körpertemperatur zu kommen. Daheim zieht er Lammfellschuhe, Rugby-T-Shirt, Fleece-, Angora- und Wolljacke übereinander, macht sich heißen Tee. Bis die "wohlige Wärme" in seinen Körper zurückkehrt.

Inzwischen ist der Ex-Hamburger in der Region bekannt. Der SWR hat ihn beim Eisbaden gefilmt, auf der Internetplattform "You Tube" gibt es ein Video. Knorn weiß, dass ihn manche Menschen schief ansehen, wenn er bei Eiseskälte in die Jagst steigt. "Die Mehrheit ist fassungslos", sagt er − und kann dies auch verstehen. Für ihn aber ist der Gang in die Fluten eine Art Lebenselixier. Und auch eine Form, Stress abzubauen. Wenn er mal ein paar Tage nicht unten am Fluss war und nicht gut drauf ist, sagt seine Frau Andrea: "Ich glaube, du musst mal wieder in die Jagst."

Nichts für Ungeübte

Wer kein Schwimmen in eiskaltem Wasser gewohnt ist, sollte es nach Angaben von Oberarzt Dr. Ferdinand Petzold „auf jeden Fall sein lassen“. Bei Ungeübten könnte es zu starkem Anstieg und späteren Abfall des Blutdrucks, Herzrhythmusstörungen, Schwindel oder Verlust des Bewusstseins kommen, sagt der Mediziner im Heilbronner SLK-Klinikum. Ein Körper „kann sich an viel gewöhnen“. Es müsse behutsam erfolgen. Mit langsamem Vortasten vom Sommer in den Herbst fing Hans Knorn an. cf


 



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