Agrothermie: Ministerium horcht auf

Forschungszentrum an Konzept zur energieautonomen Gemeinde interessiert

Von Sabine Friedrich

Agrothermie lässt aufhorchen
Bürgermeister Heinz Nägele (rechts) und Thomas Löffelhardt (daneben) mit Vertretern der Projektpartner in der Vorderen Viehweide II.Foto: Thomas Braun

Wüstenrot - Baugebiete, in denen Strom und Wärme aus regenerativen Energien erzeugt werden, beginnen immer mehr aus dem Boden zu sprießen. Dennoch ist das Bioenergiedorf Vordere Viehweide II in Wüstenrot bislang einmalig. Agrothermie heißt das Zauberwort. In dem 1,1 Hektar großen Wohn- und Mischgebiet am Ortseingang wird eine Demonstrationsanlage für diese neue Erdwärme-Technologie installiert. Das Bundeswirtschaftsministerium ist nicht nur an diesem Projekt interessiert, sondern hat die Gemeinde aufgefordert, ihr komplettes Konzept "Energieautonomes Wüstenrot 2020" zu konkretisieren und zur Förderung einzureichen.

Unerwartet "Es ist ein Gefühl, dass ich zweieinhalb Jahre alles richtig gemacht habe", beschreibt "Regisseur" Thomas Löffelhardt vom Bauamt, wie "stolz und glücklich" er über diese unerwartete Entwicklung ist, die sich nach dem Besuch des Forschungszentrums Jülich erst am Montag ergeben hat. "Das bestätigt uns und die Qualifikation des Teams", ergänzt Bürgermeister Heinz Nägele. Eine Reihe von Fachleuten ist mit im Boot, Ingenieur- und Energieberatungsbüros, Hochschulen und Universitäten, das Steinbeis-Beratungszentrum etwa oder das Netzwerk Die Erneuerbaren aus Backnang.

Was ist Agrothermie? "Eine neue Energielösung", antwortet Jens Kluge, Geschäftsführer des Systementwicklers Doppelacker aus Brandenburg. Erdwärme wird per Wärmepumpe zum Heizen und Kühlen genutzt . Der Bauer oder Unternehmer pflügt quasi die Flächenabsorber (Kunststoffschläuche) in zwei Metern Tiefe unter. Dieses "kalte Nahwärmenetz" versorgt die rund 30 Häuser. Das ist in dieser Kombination bundesweit einmalig. Etwa 1,5 Hektar Kollektorenfläche sind für das Baugebiet, das gerade erschlossen wird, notwendig. Die Wiesen drum herum gehören größtenteils der Gemeinde. "Im Idealfall wächst oben die Biomasse und unten läuft die Wärmetechnik", nennt der Bürgermeister die Wunschvorstellung.

Den Strombedarf fürs Baugebiet liefern Photovoltaikanlagen auf den Dächern. Die Ausbeute wird im Haushalt durch ein intelligentes Energiemanagement verwertet und gespeichert. So dass die Bewohner ihr Elektrofahrzeug am Akkuspeicher auftanken können. Da mit diesem Mix das 1,6-fache des Energiebedarfs erzeugt wird, könne der Überschuss von benachbarten Gebäuden, etwa Rewe, oder dem nahe gelegene Freibad angezapft werden, so Nägele.

Attraktivität Im Wettbewerb der Kommunen setzt Wüstenrot auf attraktives, umweltschonendes und kostengünstiges Bauen und Wohnen. Die Fördermöglichkeiten werden derzeit geprüft. "Wir wollen mittelfristig die Hand auf dieses Netz haben", sagt Nägele und stellt sich vor, dass die Energiegesellschaft Mainhardt Wüstenrot (EMW) es dann betreibt. Das soll den Bauherren stabile und niedrige Preise garantieren.

Das Bioenergiedorf ist nur ein Steinchen im Mosaik des "Energieautonomen Wüstenrot". Erst jüngst hat der Gemeinderat den Grundsatzbeschluss gefasst , die Möglichkeiten der Energiegewinnung auszuloten: sei es durch Windkraft, Biogasanlage, Photovoltaik-Felder, Nah- und Fernwärmenetze oder das geplante Biomassekraftwerk.