Runder Tisch öffnet Türen in Moscheen

Heilbronn  Zwei Mal im Jahr treffen sich Polizei und Muslime zum Erfahrungsaustausch. Ein Thema in diesem Jahr: Die Konflikte in der Türkei belasten das Zusammenleben. Polizeirevier-Leiter Thomas Nürnberger zieht Bilanz.

Von Bärbel Kistner

Runder Tisch öffnet Türen in Moscheen
Die Polizei profitiert von Gesprächen mit Moscheevertretern.Foto: Sawatzki

Seit sechs Jahren lädt Revierleiter Thomas Nürnberger zum Runden Tisch unter der Überschrift Zusammenarbeit der Muslime mit dem Polizeirevier Heilbronn. Zwei Mal jährlich treffen sich beide Seiten zum Meinungsaustausch.

Hat sich der Runde Tisch bewährt?

Thomas Nürnberger: Die Zusammenkunft bietet hervorragende Möglichkeiten mit verschiedenen Gruppen und Vereinen ins Gespräch zu kommen, um miteinander zu reden und nicht übereinander oder aneinander vorbei. Für mich ist der Runde Tisch eine feste Gesprächsplattform in unserer multikulturellen Stadt mit über 130 Nationen und einem Migrationsanteil von über 50 Prozent. Beteiligt ist auch die Stabsstelle Integration, deren Einsatz für das Zusammenleben bemerkenswert ist.

Können alle am Tisch miteinander?

Nürnberger: Wir bereiten das Treffen vor, fragen die wichtigen Themen vorher ab und greifen auch tagesaktuelle Punkte auf. Dann gibt es einen offenen Gedankenaustausch. Es ist jederzeit möglich, alle Themen im gesamten Teilnehmerkreis anzusprechen.

Sind auch die Kurden dabei?

Nürnberger: Wir halten es derzeit nicht für sinnvoll, die Gruppierungen an einen Tisch zu bringen auf Grund der aktuellen Situation in der Türkei. Die Konfliktlage zwischen Kurden und Türken würde den ganzen runden Tisch überfrachten.

Sind diese Konflikte verstärkt in Heilbronn zu spüren?

Nürnberger: Auseinandersetzungen im Ausland haben sofort eine Wirkung auf das Geschehen hier, etwa in Form von Spontanversammlungen der Kurden. Wir hatten in der Vergangenheit etliche Demonstrationen des kurdischen Zentrums, die nicht immer gewaltfrei verliefen. Punktuell kam es zu verbalen, gegenseitigen Provokationen oder vereinzelt zu tätlichen Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Türken. Wir halten eine Eskalation der Situation jederzeit für möglich.

Nach dem Putschversuch in der Türkei gab es auch hier in der Region Anfeindungen gegen Anhänger der Gülen-Bewegung. Hat sich das mittlerweile beruhigt?

Nürnberger: Wir lassen mit unserer Aufmerksamkeit nicht nach, auch wenn es aktuell ruhiger geworden ist. Es gab auch in Heilbronn Probleme, und wenn Straftaten bekannt wurden, haben wir diese verfolgt. Es gab Fälle versuchter Nötigung und Bedrohung, sogar zwischen Personen, die sich kennen. Der Konflikt hat vielfach Auswirkungen und belastet auch hier das Zusammenleben.

Es gibt nicht nur die Konflikte zwischen Muslimen. Am Runden Tisch ist auch die Sicherheit von Moscheen ein Thema. Sehen Sie für islamische Gotteshäuser in Heilbronn ein akutes Gefährdungspotenzial?

Nürnberger: Wir leben in einer schwierigen Zeit und können allgemeine Gefährdungen grundsätzlich nicht ausschließen. Eine konkrete Gefährdung der Moscheen in Heilbronn ist mir aber nicht bekannt.

Ist Hass und Hetze gegen Muslime ein Thema?

Nürnberger: Am Runden Tisch wird immer wieder darüber berichtet, wie im Alltag von muslimischen Bürgern Hass und Hetze vorkommen. Entsprechende Äußerungen in sozialen Netzwerken führen immer wieder zu Anzeigen und Strafverfolgung. Es ist schwer zu sagen, ob es tatsächlich mehr Fälle gibt oder ob die Sensibilisierung auf allen Seiten zugenommen hat. Es gibt ein gestiegenes Selbstbewusstsein bei Muslimen, sich nicht mehr alles gefallen zu lassen und Anfeindungen klaglos hinzunehmen.

Was hat sich in Ihren sechs Jahren für die muslimischen Verbände in der Region noch verändert?

Nürnberger: Einerseits müssen sich die muslimischen Verbände wie alle anderen Vereine jeden Tag gegen die wachsende Individualisierung und Anonymität der Gesellschaft behaupten, um die Mitglieder bei der Stange zu halten. Andererseits müssen sie sich gleichzeitig unberechtigten Vorwürfen, etwa nach Anschlägen durch verblendete Islamisten, rechtfertigen.

Wofür will die Polizei die Vertreter der Verbände sensibilisieren?

Nürnberger: Für uns ist das friedliche Zusammenleben wichtig. Deshalb informieren wir auch darüber, wie die Gruppen ihre Rechte wahrnehmen können und welche Spielregeln etwa für Demonstrationen gelten. Zentral ist auch die Botschaft, dass man Konflikte mit unseren hier geltenden Regeln austrägt, dass man diskutiert und sich nicht den Kopf einschlägt.

Wie profitiert die Polizei von dem Erfahrungsaustausch?

Nürnberger: Dadurch öffnen sich für uns die Türen zu Moscheen und in die Vereine. Wir können Präventionsangebote vorbringen und erhalten die Möglichkeit, vor Ort in den Institutionen zu wirken. Über die Jahre haben wir feste Ansprechpartner gewinnen können. Das gegenseitige Vertrauen wächst, und wir erhalten gerade in Krisenzeiten eine gute Kommunikationsstruktur.

Welche Hilfestellung kann die Polizei bieten, wenn es um Radikalisierung junger Muslime geht?

Nürnberger: Momentan haben wir keine Anfragen. Aber der Runde Tisch kann einen Impuls in die Runde geben. Schwierig für das Umfeld ist immer die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt. Greift man zu früh ein, wird man leicht zum Denunziant, wartet man zu lange, können Jugendliche oder junge Erwachsene in die Radikalität abgleiten.