Keine große Kundgebung nach dem Terrorakt

Heilbronn  In Heilbronn fehlt bisher ein Organisator, um ein Zeichen zu setzen. DGB und Islamverband denken aber über eine Aktion nach.

Von unserer Redaktion

Keine große Kundgebung nach dem Terrorakt
In Heilbronn haben große Kundgebungen eine lange Tradition. Vom legendären Zug der Zehntausend nach dem Pershing-Unglück von 1985 (Foto) über die Lichterkette gegen Fremdenhass 1993 bis hin zur Anti-Nazi-Demo 2011.Foto: HSt-Archiv

Nach den brutalen Terroranschlägen in Paris gab es in vielen deutschen Städten Kundgebungen gegen den Terror, aber auch gegen Fremdenhass und für ein friedliches Miteinander mit ausländischen Bürgern. Tausende machten mit. In Heilbronn herrschte bisher Ruhe. Haben es Bürger und Organisationen versäumt, ein Zeichen zu setzen?

Werner Winter vom Heilbronner Friedensbüro ist hin- und hergerissen. Eine Mahnwache auf dem Kiliansplatz "ist das Minimum, was wir tun sollten", sagte er am Dienstag. Einen Tag später ist er skeptischer, nachdem er in Gesprächen vernahm, man würde damit in Heilbronn zeitlich deutlich hinterherhinken. Wenn andere etwas organisieren, sei er aber "in jedem Fall dabei".

Die Menschen in Heilbronn haben schon öfter gezeigt, dass sie sich massiven Bedrohungen, Unrecht und Extremisten symbolisch entgegenstellen − das war 1985 nach dem Pershing-Unglück auf der Waldheide so, 1993 bei der Lichterkette gegen Fremdenhass ebenso wie beim großen Aufmarsch süddeutscher Neonazigruppen im Jahr 2011.

Zusammenrücken

Bereits in ihren Weihnachtspredigten hatten auffallend viele Pfarrer Maria und Josef als Flüchtlinge bezeichnet und teils mit Blick auf Pegida jede Form von Fremdenfeindlichkeit verurteilt. "Unsere Gottesdienste sind immer Demonstrationen für Menschlichkeit, Freiheit und andere christliche und demokratische Werte", betont Nikolai-Pfarrer Ulrich Koring. Am Tag nach dem Anschlag von Paris schrieb er an verschiedene muslimische Adressen folgende Einladung − auch wenn sie sich gewiss nicht rechtfertigen müssten: "Lassen Sie uns aber als Demokraten, als Muslime und Christen zusammenrücken und gemeinsam handeln, gemeinsam sprechen. Lassen Sie uns − weiterhin und noch mehr − gemeinsam gegen den Missbrauch der Religion unerschrocken und erkennbar" ein Zeichen setzen: eben für den richtigen Gebrauch der Religion, so Koring, "indem wir für gegenseitige Achtung, für Gerechtigkeit und Freiheit und Frieden einstehen".

Bei der muslimischen Ditib-Gemeinde ist man prinzipiell aufgeschlossen und will eine entsprechende Initiative gegen Terror und Fremdenhass gern unterstützen, betont Vorsitzender Erdinc Altuntas. "So etwas wäre auch in Heilbronn ganz wichtig." Altuntas ist überzeugt: "Alle muslimischen Verbände in Heilbronn wären dabei, ein klares Zeichen zu setzen. In Heilbronn ist kein Platz für Fremdenhass und Rechtspopulisten." Selbst sei die Ditib-Gemeinde bisher auf lokaler Ebene nicht aktiv gewesen, am Freitag gebe es aber vom Bundesverband initiierte Mahnwachen in Großstädten vor Presse- und Medienhäusern, etwa in Stuttgart. Dazu seien auch die christlichen und jüdischen Kirchen eingeladen. Harry Möller-Stein vom Islamischen Dachverband in Heilbronn berichtet, dass es erste Kontakte gibt, am kommenden Sonntag sollen Treffen stattfinden. Man wolle keinen "planlosen Aktionismus, sondern ein Zeichen mit einer wirklichen Signalwirkung".

Fassungslos

Keine große Kundgebung nach dem Terrorakt
"Nous sommes Charlie": DGB-Gedenkminute in Heilbronn.Foto: Sawatzki

Auch DGB-Kreisvorsitzende Silke Ortwein ist eher dagegen, etwas zu wiederholen, was in anderen Städten schon stattfand. "Da ist doch schon alles, was zu sagen ist, gesagt worden." Sie denkt an eine nachhaltigere Aktion, die ein Zeichen für ein friedliches Zusammenleben in einer weltoffenen, bunten Gesellschaft setzen soll. Und in der Menschen sich durch ihr aktives Tun solidarisieren können. Nächste Woche soll es Gespräche geben.

Die Stadt Heilbronn wird keine Veranstaltung anschieben. Dies müsse "aus der Mitte der Gesellshaft kommen", sagt Rathaussprecher Christian Britzke. Auch wenn es keine großen Gedenkveranstaltungen gab, "war die Anteilnahme der Menschen nach den Anschlägendoch spürbar", findet OB Harry Mergel. Das vielfältige Gedenken an den 4. Dezember habe eindrücklich gezeigt, dass Bürger gegen Gewalt und Krieg zusammenstehen.

Fassungslos angesichts der "furchtbaren Brutalität" der Terroranschläge war Véronique Pfeiffer, Vorsitzende im Verein Amicale des Francais. Auch in Heilbronn auf die Straße gehen? Sie versteht, wenn Menschen Sorge haben, dass etwas eskalieren könnte. Die großen Solidaritätsbeweise in Frankreich aber seien wichtig gewesen. Und bei einer Mahnwache in Heilbronn "wären wir auch dabei". cf, kis, kra, jüp