Die verschwundene Skulptur von der Bahnhofspost

Heilbronn  Vor der Post in der Heilbronner Bahnhofstraße stand seit 1990 eine Skulptur aus Granitplatten - plötzlich ist sie verschwunden. Der Grund ist die fehlende Verkehrssicherheit. Zurückkommen soll das Kunstwerk nicht, sagt der Besitzer.

Von Kilian Krauth

Vorsicht Kunst!
Wie vom Erdboden verschluckt: Auf der frisch gepflasterten Fläche an der Bahnhofstraße stand bis vor wenigen Tagen eine markante Skulptur.

Aufmerksame Passanten wundern sich. An der Bahnhofstraße stand vor dem geklinkerten Post-Neubau seit 1990 eine ziemlich imposante Skulptur des Künstlers Günter Ernst Herrmann: 2,80 Meter hoch, 4,50 Meter tief und 13 Meter lang. Zwei Granitplatten saßen wie überdimensionale Schmetterlingsflügel auf langen Marmorsockeln.

Im Sommer hockte dort oft Groß und Klein und genoss ein Eis. Auch Skateboardfahrer wussten die Location zu nutzen. Die Berliner Autorin Irina Liebmann ließ sich hier gar für ihr Theaterstück "Der Weg zum Bahnhof" inspirieren. Doch plötzlich ist das titellose Kunstwerk verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt.

Privates Kunstwerk wegen Verkehrssicherheit entfernt

Mitarbeiter der Gartenbaufirma Biegert verlegten dieser Tage hinter einem Bauzaun neue Pflastersteine − und gaben gerne Auskunft. Die Stadt Heilbronn habe dem Besitzer mitgeteilt, die Skulptur sei nicht mehr verkehrssicher. Nun stehe sie auf dem Betriebsgelände in Leingarten. Baubürgermeister Wilfried Hajek hatte dem Besitzer der Skulptur mündlich grünes Licht für die Demontage gegeben

Vorsicht Kunst!
Stillings "Torso" stand 2014 an der Volksbank und kommt bald an die Post.

Der Besitzer, der seinen Namen nicht in der Zeitung genannt haben will, hat die Skulptur, inklusive benachbartem Post-Gebäude, erst vor wenigen Jahren erworben. Auf eine Stimme-Anfrage hin äußert er sich zurückhaltend.

Instandsetzung macht für Besitzer "keinen Sinn"

Eine Instandsetzung der nicht mehr verkehrssicheren Skulptur mache für ihn "keinen Sinn". Er lasse aber ein neues Kunstwerk aufstellen: den im Jahr 2014 temporär vor der Volksbank an der Allee platzierten "Torso" des Künstlers Gunther Stilling. Man kenne sich vom gemeinsamen Wohnort Güglingen her gut und bekomme das Werk für einen Freundschaftspreis übertragen.

Museumsdirektor Marc Gundel staunt. Zwar habe er vor zwei, drei Jahren den Eigentümer der Herrmann’schen Skulptur an seine Unterhaltungspflicht erinnert, sei damals aber auf einen Besitzerwechsel hingewiesen worden und habe seitdem nichts mehr von der Sache gehört. "Erst kürzlich kam ich dran vorbei, da stand sie noch."

Rechtlich ist die Demontage kein Problem

Vorsicht Kunst!

Rein rechtlich sei es dem Besitzer tatsächlich freigestellt, ein Kunstwerk komplett abzubauen. Nur die Verunstaltung oder − im Falle von Kunst im Freien − das "Überführen in einen anderen Kontext" sei nur in Absprache mit dem Künstler erlaubt, da dieser in der Regel Bezug auf die Umgebung nehme.

Unabhängig davon spricht Gundel aber auch von "kultureller Verantwortung" fürs Stadtbild, weil Kunst im öffentlichen Raum auch das Erscheinungsbild einer Stadt mitpräge. Deshalb plädiert er dafür, solche Dinge künftig in einer Kommission zu beraten: im Sinne der Transparenz, im Sinne einer ausgewogenen Bewertung und vor allem zur Qualitätssicherung.

Die Skulpturenstadt Heilbronn hat immer wieder Probleme mit Freiluft-Kunst. Zuletzt hatte die lange Abwesenheit des steinernen Berliner Bärs, der inzwischen am Theater steht, für Aufsehen gesorgt. Davor musste für die Käthchen-Skulptur am Fleischhaus ein neuer Platz gefunden werden. Nun wird man sich bald den Kopf über eine Wortelkamp-Stele im Stadtgarten zerbrechen müssen. Sie steht einem Hotelneubau im Weg.

 

Gute Erinnerungen an eine "nicht so schöne" Skulptur

Noch Anfang des Jahres fotografierte Julian Freyer die Skulptur.

In der zweiten Runde unserer Serie "Noch Fragen?", in der wir Leserfragen nachgehen, erreichte uns diese Frage von Julian Freyer zur Skulptur vor der Bahnhofspost: "Warum wurde das Kunstwerk vor der Heilbronner Bahnhofspost entfernt?"

Als Freyer vor ein paar Tagen mit der Straßenbahn vorbeifuhr, fiel ihm auf: Die Skulptur ist verschwunden. Erst wenige Wochen vorher hatte 23-Jährige aus Leingarten ein Bild von der Skulptur gemacht. Freyer interessiert sich für Heilbronns Baugeschichte. Das Werk von Günter Ernst Hermann gefällt ihm nicht besonders, aber er verbindet mit den großen Granitplatten ein prägendes Kindheitserlebnis: "Im Sommer sind meine Eltern, meine Schwestern und ich immer zum Eis essen dorthin gegangen." 

Die Entscheidung das Kunstwerk aus Sicherheitsgründen zu entfernen, kann Freyer nachvollziehen. Dass die Skulptur nun nicht wieder zurückkehren soll, findet er aber schade: "Seit über 25 Jahren steht die Skulptur dort, sie gehört für mich einfach zu Heilbronn."

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