Binninger: Zwischen Theorien zum Polizistenmord hin- und hergerissen

Berlin/Heilbronn  Clemens Binninger, Vorsitzender im NSU-Ausschuss des Bundestags, sieht auch nach zehn Jahren viele Ungereimtheiten im Heilbronner Fall.

Von Carsten Friese

Zwischen den Theorien zum Polizistenmord hin- und hergerissen
Die Anteilnahme nach der Tat auf der Theresienwiese war riesig: Kerzen, Blumen, Plüschtiere und handschriftliche Kurzbriefe legten Bürger hier ab.Foto: Archiv/Buchholz

Er ist nach wie vor hin- und hergerissen, weil es im Heilbronner Mordfall Kiesewetter "keine Gewissheiten gibt". Clemens Binninger (CDU), der Vorsitzende des 2. Bundestags-Untersuchungsausschusses zur Mordserie des rechtsextremen Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), verweist auch zehn Jahre nach den Schüssen auf der Theresienwiese auf viele Ungereimtheiten.

"Worauf warteten die Täter nach der Anmietung des Wohnmobils neun Tage und wie erfolgte die Flucht vom Tatort?" Dafür gebe es bis heute keine gesicherten Erkenntnisse, und auch beim Tatmotiv reichten Erklärungen von Waffenbeschaffung über Anschlag gegen Repräsentanten des Staates bis zu einem Racheakt. "Sicher sagen", so Binninger, der im Wahlkreis Böblingen zu Hause ist und früher selbst Polizist war, "kann man es nicht."

Ungeklärte DNA-Spuren bei einem Opfer

Die toten NSU-Mitglieder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos waren für ihn Täter, dass sie allein agierten, bezweifelt er. "Dagegen sprechen nach wie vor offene DNA-Spuren am Körper eines der Opfer", führt Binninger an, Zeugen, die blutverschmierte Männer in Heilbronn sahen oder der stark frequentierte Tatort Theresienwiese, der ohne Unterstützer "ein kaum kalkulierbares Entdeckungsrisiko darstellt".

Hinzu komme, dass weder an den Tatwaffen noch im Flucht-Wohnmobil DNA-Spuren oder Fingerabdrücke von Mundlos und Böhnhardt gefunden wurden. War das NSU-Trio mit Mitbewohnerin Beate Zschäpe "wirklich nur ein Trio?", fragt er. Wenn nicht, hieße das, dass Mittäter der kaltblütigen Tat auch zehn Jahre danach noch immer auf freiem Fuß sind.

War Kiesewetter ein Zufallsopfer oder nicht?

Zwischen den Theorien zum Polizistenmord hin- und hergerissen
Clemens BinningerFoto: dpa

Binninger hat Zweifel, dass Michèle Kiesewetter ein Zufallsopfer war. Für Zufall spreche, dass es bisher "keinen einzigen Hinweis" gebe, dass sich Opfer und Täter kannten. Andererseits sei schwer nachvollziehbar, dass Täter wahllos Polizisten ermorden, "dafür extra von Zwickau nach Heilbronn fahren" und dort unter 230.000 Polizeibeamten in Deutschland genau auf die Polizistin aus ihrer alten Heimat Thüringen treffen, deren Onkel in Thüringen auch Polizist ist und mit Neonazis zu tun hatte. "Es kann alles Zufall sein, aber es wäre ein sehr großer Zufall."

Bis heute ist für Binninger nicht nachvollziehbar, warum Mundlos und Böhnhardt beim Banküberfall vor ihrer Entdeckung im Herbst 2011 in Eisenach auch die geraubten Dienstpistolen vom Tatort Heilbronn, Bekenner-DVDs und Geld aus früheren Banküberfällen im Wagen dabei hatten. "Vielleicht wollten sie sich danach absetzen", mutmaßt er. Als die Polizei sie umstellte, erschossen sich die beiden.

Trotz vieler offener Fragen in der gesamten Mordserie des NSU sieht Binninger eine umfassende parlamentarische Aufarbeitung in Bund und Ländern, die es in der Art "noch nie bei einer Verbrechensserie gegeben hat". Er ist überzeugt, dass dies dazu beitrug, die Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden zu verbessern und eine "neue Sensibilität für die Gefahren des Rechtsterrorismus" zu wecken.