Spinnen jetzt alle?

Region  "Fidget Spinner" sind der letzte Schrei auf den Schulhöfen im Land. Die Fingerkreisel mit dem dauerhaften Drehmoment gibt es in allen Formen und Farben. Werden sie der diesjährige Sommerhype?

Von Torsten Büchele

Die "Fidget Spinner" werden zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt und angestoßen. Foto: Torsten Büchele

Die ältere Generation hat es schon lange geahnt: Die Jugend von heute spinnt. Dabei sind die jungen Heilbronner keinesfalls kollektiv verrückt geworden. "Spinnen", englisch ausgesprochen, ist der neue Trend auf den Schulhöfen der Region.

Kleine Kreisel, die "Fidget Spinner", werden zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt und angestoßen. Gewicht und Kugellager in den drei Spitzen des Spielzeugs sorgen dafür, dass sich der Kreisel minutenlang mit Höchstgeschwindigkeit dreht. Ist das ein Grund, durchzudrehen?

"Es gibt im Moment keine Ware mehr in Deutschland"

Offenbar, denn bei den Spielwarenhändlern in Heilbronn sind die kleinen Kreisel ausverkauft. Günther Letzel von Spielwaren Letzel sind sie bereits vor einer Woche ausgegangen. "Vom vergangenen Samstag bis Donnerstag hatten wir bestimmt tausend Anfragen." Alle musste er vertrösten. "Es gibt im Moment keine Ware mehr in Deutschland", meint er. Erst nächste Woche kommt bei ihm Nachschub. "Dabei werden die derzeit mit dem Flugzeug aus China eingeflogen."

Spielwarenhändler Günther Letzel hat den Dreh raus. Foto: Torsten Büchele

Bei Letzel gibt es nur Standardmodelle aus Kunststoff für 3,99 und 6,99 Euro. Doch der Händler hat sie alle im Katalog gesehen: Plastikspielzeug, Metallkreisel, in allen Farben von weiß bis gold, mit hochwertigen Chrom-Kugellagern, mit LED-Leuchten, Glitzer und fluoreszierende. Die leistungsfähigsten Modelle drehen sich angeblich zehn Minuten lang.

Beim Onlinehändler Amazon gibt es in den Top20 der Spielzeug-Bestseller 19 Mal "Fidget Spinner". Und auch bei Google steigt die Zahl der Suchanfragen nach "Fidget Spinner" seit Anfang Mai steil an.

Spinnen wie ein Profi

"Diesen Hype hat niemand vorhergesehen", sagt Letzel. Seit etwa zwei Wochen grassiere der Trend. Bis dato hatte Letzel die Fingerkreisel gar nicht im Angebot. "Schon morgens, wenn wir öffnen, warten die ersten Kunden." Dabei sollten die um diese Zeit eigentlich in der Schule sein, denn die Kreisel sind Kinderspielzeug.

Empfohlen sind die Spinner ab sechs Jahren, aber auch Jugendliche und vereinzelt Erwachsene interessieren sich dafür. Alleine in der Viertelstunde, die wir mit Günther Letzel sprechen, fragen sechs Kunden vom Kind bis zum Senior danach. Lediglich ein anderes Spielzeug geht in dieser Zeit über den Ladentisch.

Wie funktioniert der Trend?

Das gleiche Bild bei Toys'R'Us im K3: Bereits vor Ladenöffnung warten am Freitagmorgen ein Dutzend Kunden ungeduldig, mehr als die Hälfte sucht einen Fidget Spinner. Den gab es zuletzt am Dienstag zu kaufen. Drei Stunden nach Eintreffen der Ware waren knapp 100 Handspinner abverkauft, erzählt eine Verkäuferin. 

Wie man richtig spinnt, sieht man im Internet. Tausende Videos gibt es, in denen selbsternannte Profis die Kreisel von Finger zu Finger balancieren, Bauanleitungen zum Selbermachen anbieten und stolz die gefährlichsten Eigenbauten mir rotierenden Stahlklingen vorführen. Die Handspinner sind kein eingetragenes Markenzeichen, ein Patent darauf ist 2005 verfallen.

Kein Spielverbot an Schulen

Harald Schröder besitzt keinen Kreisel. Der Schulleiter der Heilbronner Elly-Heuss-Knapp-Gemeinschaftsschule hält es nicht für nötig, die Dreh-Dinger einzukassieren: "Es macht nicht mehr Probleme, als wenn Schüler mit etwas anderem rumspielen." Im Unterricht seien sie natürlich verboten, in den Pausen erlaubt. Eine Beeinträchtigung des Arbeitsklimas in den Klassen kann er nicht feststellen. Vergangene Woche hat Schröder erstmals einen Spinner in Schülerhand gesehen, nun besäße ein Drittel bis zur Hälfte der Fünftklässler einen solchen.

Auch Florian Scheufele, Schulleiter der Grund- und Werkrealschule Frankenbach, kennt die Spielzeug-Trends seiner Schüler. Häufig im Frühjahr oder Sommer tauche irgendein Gerät auf, das von heute auf morgen jeder haben will. So war es bei den selbstgemachten Glitzer-Armbändern und beim Klebeschleim. Schon nach wenigen Wochen, spätestens nach den Sommerferien, war Schluss mit dem Spuk. Keiner interessierte sich dann mehr dafür.

Auch Scheufele belässt es beim Verbot im Unterricht. "Belastender sind Smartphones." Die lenken noch viel mehr ab. Während die Schüler behaupten, das Fingerspiel mit dem Spielzeugkreisel fördere sogar die Konzentration. Denn ursprünglich war das Spielzeug zu Therapiezwecken entworfen worden: ADHS-Patienten sollten damit ihre Finger beruhigen und sich konzentrieren lernen.

Spiel beruhigt Hyperaktive, taugt aber nicht als Therapie

Gewiss helfe es ADHS-Patienten, ein Spielzeug in der Hand zu halten, meint eine Diplompsychologin und Lerntherapeutin aus Sontheim. So seien die Kinder mit den flinken Fingern beschäftigt. "Dann konzentrieren sie sich auf ihre Arbeit und sind weniger leicht abzulenken." Auch ein Knautschball werde häufig eingesetzt.

Therapie sei das aber keine: "Es wird die Symptome nicht verringern", so die Lerntherapeutin. Dazu bräuchten die Kinder viel mehr Bewegung. In der Schule lenke das Spiel mit dem Fingerkreisel vom Unterricht ab - vor allem die Nebensitzer, die dann auch gerne so ein Gerät hätten. Die müssen sich aber gedulden, bis der Lieferengpass behoben ist. Oder der Trend so schnell wieder abflaut, wie er gekommen ist.