Selbsttest: Vier Monate mit dem Rad zur Arbeit

Region  Ist das Fahrrad angesichts täglicher Staus eine echte Alternative für den täglichen Weg zur Arbeit? Unser Kollege hat das auf der Strecke Bretzfeld-Heilbronn einfach mal ausprobiert - und war positiv überrascht.

Von Andreas Tschürtz

Hier schreibt kein Sportfreak. Weshalb Fitnessstudios aus dem Boden schießen und Menschen sich nach Feierabend freiwillig in Tour-de-France-Montur werfen, ist mir ein Rätsel. Trotzdem habe ich seit April mehr als 1500 Rad-Kilometer gesammelt – von Montag bis Freitag, ganz nebenbei auf dem Weg zur Arbeit. Kein Grund für Selbstlob. Aber doch Anlass, um für die Stimme-Radserie einmal aufzuzeigen, dass es durchaus eine Überlegung wert ist, vom Auto aufs Fahrrad umzusatteln. In diesem Fall ein Pedelec.

Was in (nahezu) täglich einer Stunde und 20 Minuten zusammenkommt, ist schon erstaunlich: Die 17 Kilometer vom Bretzfelder Ortsteil nach Heilbronn haben sich in vier Monaten zur Strecke Flensburg und zurück geläppert. Und jeder Tag auf dem Rad erspart der Umwelt die Abgase von zweieinhalb Litern Diesel. Dafür läuft der Körper auf Hochtouren und verbrennt rund 600 Kilokalorien, also fast ein Drittel des für Männer empfohlenen täglichen Energiebedarfs – mit Mitte 40 also kein schlechtes Mittel gegen Fettpolster und Schrittmacher für den langsam schwächelnden Stoffwechsel.

Vier Monate Radfahren haben aber auch Grenzen aufgezeigt: Die 17 Kilometer mit je einem ordentlichen Anstieg in jede Richtung sind okay. Mehr würde aber ungemütlich und wäre mir auf Dauer wohl zu viel. Und wer total unfit ist, dürfte schon mit weniger gut bedient sein.

 

Etappe 1: Vom Auto zur Stadtbahn zum Rad

Etappe 1: Vom Auto zur  Stadtbahn zum Rad

Vom Schemelsbergtunnel hinauf nach Heilbronn ist oft viel los. Der Radweg führt dagegen idyllisch an der Weinsberger Kleingartenanlage vorbei. Foto: Andreas Tschürtz

Am Anfang stand der Frust. Diese verdammten Staus. Dabei ist die Strecke von Heilbronn in Richtung Hohenlohe verglichen mit der Verkehrslage im Heilbronner Norden und Richtung Westen ja noch beneidenswert. Trotzdem wurden aus möglichen 20 Minuten für die 17 Kilometer oft 45.

Wieso also nicht mal die Stadtbahn ausprobieren? Kosten: knapp 45 Euro im Monat fürs Sahneticket. Zeit: fünf Minuten mit dem Auto zur Haltestelle, 20 Minuten Zugfahrt bis Heilbronn-Harmonie, fünf Minuten Fußweg ins Büro.

Auf dem Papier. In der Praxis: verspätete Bahnen, häufige Zugausfälle, falsche oder gar keine Fahrgastinformationen. Die Bahn-App fürs Smartphone bietet ebenfalls keine Abhilfe, denn deren In-Echtzeit-Angaben sind nicht selten südamerikanisch-großzügig gefasst oder zeigen Fahrplanänderungen jugendlich-spontan und damit viel zu kurzfristig an. Nur der gemeinsame Verantwortungs-Verschiebebahnhof von Deutscher Bahn, HNV und Albtalverkehrsgesellschaft funktioniert gewissenhaft und lässt Reklamationen zielsicher im ÖPNV-Bermuda-Dreieck der Unzuständigkeiten ins Leere laufen.

Und so war er nach eineinhalb Jahren Stadtbahnfahren wieder da: der Frust. Und mit ihm der feste Entschluss, baldmöglichst aufs Rad umzusteigen.

 

Etappe 2: Erst Bedenken, dann Begeisterung

Etappe 2: Erst Bedenken, dann Begeisterung

Erstaunlich: Auf den Radwegen ist man so gut wie allein unterwegs, hier zwischen Obersulm-Sülzbach und Weinsberg-Ellhofen. Foto: Andreas Tschürtz

Mit dem Rad dauert es doch viel zu lang. Ist so ein E-Bike nicht sehr teuer? Und wenn es regnet? Oder was ist im Winter bei Eis und Schnee? Kurzum: Das Vorhaben, mit eingeübten Gewohnheiten zu brechen, trifft zu Hause auf Skepsis und bei Kollegen bestenfalls auf Spott. Auch die Radsuche gestaltet sich nicht so einfach wie gedacht. Kaum ein Händler, der bereit ist, ein Rad für einen Tag oder länger auszuleihen. Und nicht jedes gewünschte Modell ist auch sofort erhältlich. So scheidet das ausgeguckte Wunsch-Pedelec gleich schon mal aus und das Ziel, noch im Januar 2017 umzusteigen, verzögert sich.

Derweil: Testfahrten mit allem, was greifbar ist: dem eingemotteten Rad im Keller (Dauer: über eine Stunde, superanstrengend); dem Billig-Pedelec vom Freund (unter 60 Minuten, sehr anstrengend, miserable Fahreigenschaften); und schließlich mit einem Marken-Pedelec (2500 Euro, 45 Minuten, tolles Fahrerlebnis), das dann doch ein Heilbronner Händler netterweise mehrere Tage zur Verfügung stellt.

Ergebnis: Etwas Gutes muss her. Das Rad der Wahl kostet schließlich rund 3000 Euro. Damit sind die 17 Kilometer mit je einem anstrengenden Anstieg in jeder Richtung kräftemäßig und in einer akzeptablen Zeit (35 bis 40 Minuten) zu schaffen. Und mit einem guten Pedelec ist das Ganze keine Qual, sondern macht richtig Spaß.

 

Etappe 3: Fahren mit Rückenwind

Etappe 3: Fahren mit Rückenwind

Auch mit Pedelec kommt der Körper ins Schwitzen. Waschlappen, Handtuch und Wechselkleidung sind im Büro hinterlegt. Foto: Andreas Tschürtz

Werbung übertreibt ja gerne. Der Slogan "Fahren mit Rückenwind" trifft die Sache aber ziemlich auf den Kopf: Wo normales Radeln ungemütlich wird (bergauf), sorgt die Unterstützung des Elektromotors für ordentlich Vortrieb, als schübe eine unsichtbare Hand von hinten an. Das spart bei Anstiegen gewaltig Zeit. Dass man völlig ohne zu schwitzen ans Ziel kommt, ist aber doch WerbeSprech − zumindest bei zügiger Fahrt und 17 Kilometern Strecke mit Auf und Ab. Und wenn die Unterstützung ab zirka 25 km/h aufhört, was man auf ebener Straße leicht erreicht, ist das über 20 Kilo schwere Rad sogar ein Klotz am Bein.

So lässt sich mit dem Pedelec bis zur Abschaltgrenze gut eine konstante Geschwindigkeit halten. Zischt aber einer auf seinem Rennrad mit 40 Sachen vorbei, sieht man sich frühestens am nächsten Berg wieder − wobei: meist nicht. Denn die Cracks ohne Motor fliegen nur auf der Straße leichtfüßig dahin. Mit dem Pedelec dagegen sind zwei Kurven extra und ein zusätzlicher Hügel völlig schnuppe, und es radelt sich ganz entspannt abseits der Autos. So führt der Arbeitsweg bis auf drei kurze Passagen in Heilbronn, Weinsberg und Ellhofen fast ausnahmslos durchs Grüne. Statt Stop-and-go gibt's Vogelgezwitscher und frischen Fahrtwind − und anders als mit Auto und Bahn jeden Tag eine Punktlandung.