Nach Berichterstattung: Kaufland kündigt Konsequenzen an

Neckarsulm/Möckmühl  Die Berichterstattung unserer Zeitung über die Arbeits- und Lebensbedingungen von polnischen Arbeitern, die von Kaufland-Subunternehmern beschäftigt werden, zeigt Wirkung. Kaufland will nun reagieren.

Von unserem Redakteur Christian Gleichauf

Kaufland erklärte in einer Mitteilung an die Heilbronner Stimme, das Unternehmen verfolge die Berichterstattung „aufmerksam und betroffen“. Weiter heißt es: „Wir prüfen die geschilderte Sachlage bereits und werden die Verantwortlichen für Handlungsweisen, die gegen unsere Vorgaben verstoßen, zur Rechenschaft ziehen.“

Die von Kaufland angewandten Standards bei der Beschäftigung von Mitarbeitern, die auch für die Werkvertragspartner gelten, gingen über den gesetzlichen Rahmen hinaus. „Verstöße gegen unsere Vorgaben werden von Kaufland nicht toleriert.“

Hier lesen Sie den ursprünglichen Artikel, der die Praktiken beschreibt: 

Seit gut einem Jahr gilt in Deutschland der Mindestlohn. In Branchen, wo schon vor Jahren fragwürdige Beschäftigungsverhältnisse entstanden sind, haben sich die Probleme allerdings nicht in Luft aufgelöst. Die Heilbronner Stimme ist einem Einzelfall (die Geschichte der beiden Frauen lesen Sie hier) nachgegangen - und hat ein komplexes System entdeckt, wie der Mindestlohn im Kaufland-Zentrallager Möckmühl von Leiharbeitsfirmen unterlaufen wird.

So haben sich die Personaldienstleister Loco Service und Rahmer aus Heilbronn und Nürnberg auf Arbeitnehmer aus Osteuropa spezialisiert: Vor allem in Polen werden Arbeitskräfte angeworben, die auf eigene Kosten nach Deutschland fahren und deutsche Arbeitsverträge unterschreiben, die sie nicht verstehen. Viele nehmen auch dankbar das Angebot scheinbar günstiger Unterkünfte an, um dann bei größtmöglicher Flexibilität Tag und Nacht für die Unternehmen zur Verfügung zu stehen.

Kurzfristig finden die Schichteinteilungen statt, mit firmeneigenen Fahrzeugen werden die Arbeitnehmer dann zur Arbeit und nach Schichtende wieder in die Sammelunterkunft zurückgefahren, wo sie sich nicht selten mit drei weiteren Bewohnern ein Zimmer teilen.

Im Rahmen der Recherche erklärt ein Rahmer-Mitarbeiter, Überstundenkonten würden genutzt, um beispielsweise Waren zu bezahlen, die die Arbeiter beschädigt haben. Rahmer dementiert das. Ebenfalls ein Dementi gibt es von Loco Service, dass die vorgeschriebenen Sicherheitsschuhe von den Arbeitnehmern selbst bezahlt werden müssen. Belege dafür liegen vor.

Die Firmen bewegen sich damit aber nicht nur abseits der Legalität. Die Gewerkschaft Verdi erkennt zahlreiche Verstöße gegen geltende Gesetze und Vorschriften. Etwa wenn ein Arbeitnehmer wie abgesprochen zur Arbeit erscheint, dann aber doch nicht benötigt wird. "Dann ist der Arbeitgeber mit der Annahme der Arbeitsleistung in Verzug und muss den Lohn auch ohne Arbeitsleistung bezahlen", sagt Thomas Müssig, Verdi-Gewerkschaftssekretär in Heilbronn.

Kaufland ist mit solchen Praktiken nicht zum ersten Mal konfrontiert. Vor drei Jahren kamen ähnliche Zustände bei einem Werkvertragspartner im Möckmühler Fleischwerk ans Licht. In polnischen Internetforen berichten Betroffene ebenso seit Jahren über unsaubere Abrechnungen und "katastrophale" Wohnbedingungen.

In einer Stellungnahme erklärt Kaufland, unabhängige Prüfer stellten mithilfe von Mitarbeiterinterviews und Begutachtung der Unterkünfte sicher, dass die strengen Kaufland-Standards eingehalten werden. "Systematische Verstöße werden durch ein engmaschiges Kontrollnetz sicher identifiziert und sanktioniert."

Stellungnahmen der Firmen

Der Darstellung dieser Arbeitsverhältnisse sind Recherchen über einen Zeitraum von mehr als zwei Monaten vorausgegangen. Die Firmen Loco Service, Rahmer Zeitarbeit und Kaufland wurden mit den Ergebnissen konfrontiert. Ihre Stellungnahmen lauten zusammengefasst: Alles gesetzeskonform, Angaben über Unregelmäßigkeiten seien unrichtig. 

Kommentar: "Außer Kontrolle"

Arbeitskräfte aus dem Ausland sind für manche Firmen ein gefundenes Fressen. Sie können sich nicht verständigen, kennen deutsche Gesetze nicht, wagen nicht aufzubegehren gegen Zustände, die kein deutscher Arbeitnehmer akzeptieren würde. Tun sie es doch, werden sie entlassen - und keine Gewerkschaft kann ihnen helfen, weil diese Menschen gar nicht auf die Idee kommen, sich an eine Arbeitnehmervertretung zu wenden.

Leider beschränken sich die Machenschaften, die bei den Recherchen rund um das Kaufland-Zentrallager zutage getreten sind, nicht auf diese Branche und auch nicht auf diese Arbeitgeber. Wer sich unter Rumänen, Bulgaren oder auch bei den Flüchtlingen umhört, erfährt von Handwerkern, die ihre Helfer auch am Wochenende ohne Zuschlag und ohne Überstundenausgleich arbeiten lassen, von Hilfsjobs in der Pflege oder in der Küche, wo keine effektive Kontrolle greift.

Um effektive Kontrolle muss sich nun aber dringend Kaufland kümmern. Konfrontiert mit den Resultaten unserer Recherche zeigt sich die Firma allerdings unbeeindruckt, obwohl sie aus Fehlern der Vergangenheit gelernt haben müsste. Sie will sich weiterhin auf das Urteil von Wirtschaftsprüfern verlassen. Die Rechnung geht offenbar auf: Die Leistung wird von den Werkvertragspartnern billiger erbracht, als man es selbst je hinbekommen könnte. Manch seriöse Zeitarbeitsfirma kann es sich deshalb gar nicht leisten, für die Neckarsulmer zu arbeiten. Und Kaufland plant auch explizit nicht, Leiharbeiter selbst einzustellen. So wird die Deklaration der "Kaufland-Standards" zur Farce.

Ihre Meinung? E-Mail an christian.gleichauf@stimme.de

 

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Auf der Stimme-Facebook-Seite wird über das Thema heiß diskutiert. Ein Auszug:

 

Ein Leben im Vierbettzimmer, jederzeit abrufbereit für eine Firma, die auf Arbeitnehmerrechte pfeift – und am Ende des...

Posted by Heilbronner Stimme on Donnerstag, 28. Januar 2016