Zeichen gegen Fremdenhass und Gewalt

Heilbronn  Mit einer Mahnwache auf dem Marktplatz und einer politischen Erklärung von Stadtspitze und Gemeinderat im Rathaus arbeitete Heilbronn am Freitag die Gewalttat gegen drei junge Flüchtlinge auf.

Von Iris Baars-Werner und Alexander Klug

Zeichen gegen Fremdenhass und Gewalt

Mahnwache gegen Fremdenfeindlichkeit auf dem Marktplatz HN

 

 "Tief bestürzt über die gewissenlose Messerattacke" vom vergangenen Samstag zeigte sich Oberbürgermeister Harry Mergel (SPD) in einer gemeinsamen Erklärung vor dem am Nachmittag tagenden Gemeinderat.

Den von fremdenfeindlichen Motiven getriebenen Angriff eines 70-Jährigen nannte das Stadtoberhaupt "heimtückisch". Die Tat müsse "uns alle wachrütteln", sagte der OB, "Entsetzen, Abscheu und Verurteilung", die viele Bürger zum Ausdruck brächten, zeigten, "dass dies die übergroße Mehrheit in der Stadt so sieht".

"Um Versachlichung bemühen"

Mergel betonte, "dass im Heilbronner Rathaus keine Probleme verdrängt oder verschwiegen werden". Man arbeite "täglich an der Lösung". Deutlich sagte er aber auch, dass die Stadt eine "Fürsorgepflicht hat für die Menschen, die bei uns Schutz suchen und sich rechtskonform verhalten".

Deshalb müsse sich die Stadt "gerade in stark emotional geprägten Diskussionen um eine Versachlichung" bemühen. Er mahnte zu Besonnenheit und verwies auf Fakten. "Dazu gehört es, deutlich zu widersprechen, wenn Verfehlungen und Straftaten Einzelner benutzt werden, um Personen- und Bevölkerungsgruppen zu diskreditieren".

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Selbstverständlich erwarte man von Geflüchteten, dass sie sich "an Recht und Gesetz" halten und "die Werte unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung respektieren". Heilbronn werde als lebensbejahende und vielfältige Stadt gemeinsam mit Polizei und Justiz weiter "jeglicher Form von Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Rassenhass einen Riegel vorschieben".

Subjektives Unsicherheitsgefühl

Das sieht Andreas Gerbig skeptisch. Der 59-jährige Heilbronner steht am Rand der Versammlung auf dem Marktplatz, zu der das Bündnis gegen rechts Heilbronn eingeladen hat, und bläst warme Luft in seine Hände. "Ich habe den Eindruck, dass die Politik kaum Kontrolle beim Thema Flüchtlinge hat."

Zusammen mit nach Polizeiangaben 250 bis 300 anderen Zuhörern verfolgt er die Reden vor der Rathaustreppe. Etwa die von Mitorganisator Stefan Reiner. Er kritisiert die seit Wochen aufgeladene Stimmung und die Diskussionen um das subjektive Unsicherheitsgefühl Einzelner. Es werde Angst geschürt und pauschal verurteilt, was zur Selbstjustiz geführt habe. "Die rassistische Hetze ist im Alltag angekommen." Das sei nichts Neues in Heilbronn, in der Stadt gebe es seit langem rechte Strukturen.

Melanie Schilling bleibt mit ihrem Kinderwagen stehen und schaut Richtung Rednerpult, der dreijährige Ben schläft. "Ich finde schrecklich, was passiert ist", sagt die 34-Jährige. Sie glaube aber nicht, dass es so gar keinen Grund für das Unsicherheitsgefühl geben soll. "Gut aufgehoben fühle ich mich hier abends auch nicht."

"Es war nur eine Frage der Zeit"

Die allen Menschen zustehende Würde betont der Pfarrer der Kiliansgemeinde, Hans-Jörg Eiding. Es gehe nicht darum, aus der Not eine Tugend zu machen. "Wir wollen eine bunte, vielfältige Stadt." Es sei wichtig, die Sorgen der Geflüchteten zu teilen und der Gewalt etwas entgegensetzen.

SPD-Stadträtin Marianne Kugler-Wendt mahnt eine sorgsame Bewertung der Tat an und ist sicher, dass bereits die Stimmung davor Teil des Geschehenen ist. Das Tempo drosseln will SPD-Bundestagsabgeordneter Josip Juratovic. Vorschnelle Meinungen und Kommentare würden die Glaubwürdigkeit beschädigen. "Es war nur eine Frage der Zeit, bis etwas passiert."