„Wind wirkt wie ein riesiger Ventilator“

Interview  Der Kommandant der Heilbronner Berufsfeuerwehr Eberhard Jochim spricht über die Bedeutung der Brände in London und in Portugal.

Große Brände bestimmen die Nachrichten der vergangenen Tage. In London bricht ein Feuer in einem 24-stöckigen Hochhaus aus  – mindestens 79 Menschen sind ums Leben gekommen. In Portugal kämpfen Feuerwehrleute gegen Waldbrände, mindestens 62 Tote sind dort bisher zu beklagen. Der Kommandant der Berufsfeuerwehr Heilbronn, Eberhard Jochim, spricht über die Gefahren in Hochhäusern und wie die Heilbronner Wehr vorbereitet ist.

 

Herr Jochim, was sind die Herausforderungen an einem Feuer in einem hohen Haus?

Eberhard Jochim: Aussagen zu den Umständen in London sind schwierig, die Ursachen sind noch nicht ausreichend untersucht. Aber je höher das Haus ist, desto länger wird der Rettungsweg und damit der Angriffsweg für die Feuerwehr bei einem Feuer. Ab 23 Metern Höhe ist eine Rettung mit der Drehleiter nicht mehr möglich, dann müssen die Menschen über Treppenräume das Haus verlassen. Ein Feuer in einem Hochhaus zu bekämpfen ist anspruchsvoller als in einem niedrigeren Gebäude, der Personalaufwand ist höher. Nicht zu unterschätzen ist auch der Wind. In einem hohen Gebäude wirkt er wie ein riesiger Ventilator, der die Flammen anfacht und sich schneller ausbreiten lässt.

 

Gibt es Brandschutzvorschriften eigens für Hochhäuser?

Jochim: Ja, ab einer Gebäudehöhe von 22 Metern gibt es spezielle Richtlinien. Das reicht von Sicherheitstreppenräumen über spezielle Dämmmaterialien und größere Feuerwiderstandsdauern von Wänden und Decken bis hin zu besonderen Brandschutztüren. Damit das funktioniert, müssen die Regeln aber auch eingehalten werden. Eine Brandschutztür, die mit einem Holzkeil offengehalten wird, ist wertlos und gefährdet im Ernstfall Leben. Ab einer Gebäudehöhe von 60 Metern müssen dann zwei Sicherheitstreppenräume vorhanden sein. Wenn Menschen ums Leben kommen, dann meistens durch Rauchgase im Treppenraum und Flur.

 

Also ist es sicherer, in der eigenen Wohnung zu bleiben?

Jochim: Im Regelfall ja. Bei hohen Gebäuden beträgt die Feuerwiderstandsdauer mindestens 90 Minuten. In dieser Zeit ist in Deutschland die Feuerwehr zur Stelle, um zu retten und zu löschen.

 

Gibt es Parallelen zwischen dem Hochhausbrand in London und den Feuern in Portugal?

Jochim: Vordergründig nicht. Im einen Fall brennt ein Gebäude, im anderen der Wald. Wald in Portugal bedeutet auch nicht das Gleiche wie Wald in der Region Heilbronn. Dort gibt es viel mehr Nadelhölzer, die deutlich brennbarer sind. Aber die Geschwindigkeit, in der sich die Flammen ausgebreitet haben, ist eine Parallele. Das könnte in beiden Fällen mit dem Wind zu tun haben, der die Flammen enorm anfacht. Da kann es passieren, dass die Flammen von Baumwipfel zu Baumwipfel überspringen. Manche Menschen wurden davon auf der Flucht in ihren Autos überrascht, selbst Feuerwehrwagen samt Besatzung sind schon so verloren gegangen.

 

Wie ist das Feuerwehrpersonal auf solche Situationen eingestellt?

Jochim: Es gibt regelmäßige Gespräche, sowohl über Ereignisse hier, als auch nach einem Feuer wie dem in London. Aufgrund unterschiedlicher Gesetze und Vorschriften sind Ereignisse aber oft nicht vergleichbar. Es sieht so aus, als würden Wetterextreme zunehmen, von Hitze über Sturm bis zum Hochwasser. Darauf müssen wir vorbereitet sein, in der Ausbildung, bei der Personalstärke, bei der Ausrüstung.

 

Was meinen Sie konkret?

Jochim: Es sind ja nicht nur Brände, es gibt auch häufiger Stürme, Hochwasser. Für solche Fälle müssen zum Beispiel mehr Pumpen als früher bereitstehen. In unserer Region haben wir zwar weniger Nadelwälder als in Portugal, dafür aber dicht befahrene Autobahnen, auf denen viele Unfälle passieren. Sowohl dabei, als auch in manchen Betrieben haben wir es mit Gefahrgut zu tun. Außerdem gibt es ausgedehnte Gebäude, Versammlungsstätten, Altenheime. Für jede dieser Situationen müssen wir optimal vorbereitet sein, um die Sicherheit unserer Bürger zu gewährleisten.

Zur Person

Eberhard Jochim wurde am 5. April 1958 in Neckarsulm geboren. 1979 trat er der Berufsfeuerwehr Heilbronn bei, ihr Kommandant ist er seit 2000. Seit 1971 ist die Feuerwehr Heilbronn Berufsfeuerwehr, an der Beethovenstraße Ecke Charlottenstraße arbeiten 82 Einsatzbeamte, sie werden unterstützt von etwa 300 Angehörigen der Freiwilligen Feuerwehren im Stadtgebiet Heilbronn.