Wie wird man eigentlich Hausarzt?

Region  Der Weg zum Facharzt ist lang, das Risiko als Selbstständiger groß. Mit zusätzlichen Anreizen will die kassenärztliche Vereinigung mehr junge Menschen davon überzeugen, sich als Ärzte mit eigener Praxis niederzulassen.

Von Christian Klose und Tobias Wieland

 

Hausärzte sind schon jetzt Mangelware, bei den Fachärzten wird die Lage in den kommenden Jahren nicht viel besser aussehen, vermutet die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW). Deren Stuttgarter Sprecher, Kai Sonntag, betont jedoch, dass erste ergriffene Maßnahmen gegen den Ärztemangel Hoffnung machten.

„Wir versuchen, im Rahmen unserer Möglichkeiten, die Arbeit in ländlichen Regionen attraktiver zu machen. Daher fördern wir etwa auch die Anstellung von Ärzten oder die Gründung von Zweigpraxen. Wir wissen auch, dass Ärzte sich häufig dort niederlassen, wo sie ihre Weiterbildung zum Facharzt absolviert haben. Daher fördern wir auch die Weiterbildung“, sagt Sonntag. Wenn sich ein Arzt niederlassen und ambulant Patienten im Rahmen der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) behandeln möchte, benötigt er neben dem Medizinstudium auch eine Anerkennung als Facharzt.

Das Medizinstudium dauert in der Regel etwa sechs Jahre, die Weiterbildung zum Facharzt noch einmal zwischen fünf und sechs Jahren, je nach Fachgebiet. Bei den Hausärzten müssen davon mindestens zwei Jahre in einer Praxis erfolgen, bei den Fachärzten ist das unterschiedlich. „Die Maßnahmen, die wir ergriffen haben, zeigen durchaus Wirkung. Aber ob sie das Problem lösen können, steht auf einem anderen Blatt“, so Sonntag weiter.

Praxen werden günstiger

Und zur jahrelangen Weiterbildung zum Facharzt kommt dann noch die unternehmerische Investition für den Praxiswert, Geräte und sonstige Ausstattung wie Einrichtung hinzu. Wie hoch ist die Investition in der Regel? Kai Sonntag von der KVBW dazu: „Die Kosten sind sehr stark abhängig vom Einzelfall. Aktuell haben wir vor allem bei den Hausärzten deutlich mehr Ärzte, die ihre Praxis abgeben wollen, als Ärzte die eine übernehmen wollen. Das senkt die Preise.“

Ausbildung auch an der Uni

„Die Lücke in der Versorgung wird größer“, bestätigt auch Dr. Oliver Erens, Sprecher der Landesärztekammer. Er findet deshalb die neuen Anreize zur Weiterbildung gut, weil die Allgemeinmedizin nun auch an einigen Kliniken, sogar an universitären Einrichtungen repräsentiert ist. Ist das die Wiederbelegung des Hausarztberufs? „Es funktioniert bisher gut, weil alle an einem Strang ziehen. Das Image des Land- oder Allgemeinarztes ist dadurch schon wieder besser geworden, Ziel, dabei ist langfristig, eine Kaderschmiede für Allgemeinmedizin aufzubauen“, betont Erens, der aus Sicht der Landesärztekammer auch begrüßt, dass das Bundesverfassungsgericht jüngst entschieden hatte, dass die Vergabe von Medizinstudienplätzen nicht mehr ausschließlich an den Numerus Clausus gebunden sein darf.   

Auch der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Prof. Frank Ulrich Montgomery, hält dieses Urteil für einen wichtigen Schritt beim Thema Mediziner-Nachwuchs: „Unsere Patienten brauchen nicht nur Spitzenforscher. Sie brauchen auch gute Ärzte mit sozialen Kompetenzen und der Bereitschaft, aufs Land zu gehen“, so der BÄK-Präsident gegenüber der Stimme.

 

Ärzte-Versorgung wird schwieriger

Die Kassenärztliche Vereinigung warnt: In den kommenden Jahren könnten rund 500 Arztpraxen in Baden-Württemberg keine Nachfolger finden. Ein dramatischer Zustand, gerade für den ländlichen Raum. Eine Lösung ist so schnell nicht in Sicht. Viele Gegenmaßnahmen wirken erst in vielen Jahren. Das Problem dürfte also erst einmal nur größer werden.

Deshalb befasst sich unsere Redaktion ausführlich mit dem Thema Ärztemangel:

Unsere Übersicht "Stadt, Land, Krank" zeigt, wie stark das Gefälle zwischen Stadt und Land ist bei der Versorgung von Ärzten.

Wir haben Zweiflingen besucht, die einzige Gemeinde in der Region, die überhaupt keinen Arzt mehr hat.

Wir erklären, wie verschiedene Gemeinden in der Region Prämien für neue Ärzte bezahlen, weil der Mangel so groß ist.

Besonders spürbar ist der Mangel für Eltern. Kinder- und Jugendärzte müssen vielerorts schon Patienten ablehnen.

Mit einer interaktiven Karte können Sie testen, wie weit entfernt Sie von den nächsten Ärzten wohnen.

Wichtig, wenn die Auswahl an Ärzten abnimmt: Wann dürfen Ärzte überhaupt Patienten ablehnen?