Wie viel Feinstaub belastet die Luft in Heilbronn?

Region  Selbstgebaute Geräte der Stimme.de-Redaktion sammeln ab jetzt an 15 Standorten Feinstaub-Daten. An Hauptstraßen, in der Innenstadt und in Wohngebieten. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Von David Hilzendegen und Lisa Reiff

Feinstaub
Ein Feinstaubmessgerät kann sich jeder selbst bauen. Man braucht nicht viel mehr als Sensor, Mini-Computer und Abflussrohr.  

Feinstaub ist nicht nur ein Stuttgarter Problem. In einer verkehrsreichen und industriell starken Stadt wie Heilbronn ist die Luft nicht alpenrein sauber – besonders jetzt, zur Feinstaubsaison zwischen Oktober und April. In einem Projekt misst die Heilbronner Stimme an ausgewählten Standorten mit 15 selbstgebauten Geräten, wie dreckig es vor Heilbronner Haustüren ist.

Wie misst die Stimme Feinstaub?

Mit kleinen Geräten, die sich jeder selbst bauen kann. Die Komponenten kann man im Baumarkt und im Internet für rund 60 Euro kaufen. Wer wie unsere Redaktion selbst basteln möchte: hier gibt es die Anleitung. Es geht auch ganz fix:

 

 

Im Wesentlichen bestehen die Geräte aus Sensor und Minicomputer, die die Werte aus der Luft auslesen und an die Server von luftdaten.info schicken. Dort werden Werte von Messgeräten aus der ganzen Welt gesammelt. Wir greifen die Heilbronner Daten ab und stellen sie detailliert auf feinstaub.stimme.de dar. Zudem analysieren wir die Werte wöchentlich auf stimme.de

Wie verlässlich messen die Geräte?
Die Sensoren sind viel einfacher als die teuren LUBW-Stationen. Eine Studie der Landesanstalt hat aber ergeben, dass die Do-It-Yourself-Geräte zufriedenstellende Werte liefern. Probleme haben sie bei besonders kalter und feuchter Umgebungsluft. Daher beziehen wir bei der Analyse das Wetter und die Höhe ein, in der die Geräte aufgehängt werden und beschreiben Tendenzen.

Wie können Sie mithelfen?
In Stuttgart messen mittlerweile mehr als 300 selbstgebaute Geräte die Feinstaubbelastung. In Heilbronn wird das Netz gerade erst aufgebaut. Als die Stimme begonnen hat, Sensoren im Stadtgebiet zu verteilen, waren ein paar schon vorhanden. Wenn Sie auf der Karte unter feinstaub.stimme.de sehen, dass in Ihrem Wohngebiet noch ein Messgerät fehlt und eines aufhängen möchten, melden Sie sich mit einer E-Mail an feinstaub@stimme.de. Die Geräte müssen ständig mit Strom versorgt werden und via WLAN mit dem Internet verbunden sein. 

 

Hier können die gemessenen Feinstaub-Messwerte abgerufen werden: feinstaub.stimme.de

 

Wer misst außer der Stimme in Heilbronn die Feinstaubbelastung?
Die Landesanstalt für Umwelt, Messung und Naturschutz (LUBW) misst seit den 1970ern im ganzen Land, wie viel Feinstaub sich in der Luft befindet. Auch in Heilbronn stehen zwei Stationen: Eine in der viel befahrenen Weinsberger Straße, die vor allem die Belastung durch den Verkehr misst, und eine in der Hans-Rießer-Straße im Norden der Stadt, wo die Werte die allgemeine städtische Belastung (ohne viel Verkehr) darstellen sollen.

Für Feinstaubpartikel bis zu einer Größe von 10 Mikrogramm (PM10) liegt der Grenzwert bei einem Tagesmittel von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter (µg/m3) Luft. Diese Grenze gilt europaweit und darf über das Jahr verteilt an 35 Tagen überschritten werden. Die Grafiken zeigen, wie sich die PM10-Tagesmittelwerte, die von den Stationen der LUBW gemessen wurden, über die letzten Jahre in Heilbronn entwickelt haben. 

LUBW-Feinstaubwerte Weinsberger Straße
Die Grafik zeigt, dass die Feinstaubbelastung in der Weinsberger Straße seit 2013 zurückgeht. (Zum Vergrößern Klicken.)  

Was sagen die Werte der LUBW?

In der Weinsberger Straße war die Feinstaubbelastung im vergangenen Jahr an neun Tagen zwar höher als erlaubt – Heilbronn bewegt sich damit aber noch im grünen Bereich, weil es insgesamt 35 Überschreitungstage im Jahr geben darf.

An stark befahrenen Verkehrsachsen wie der Weinsberger Straße führt die LUBW sogenannte Spotmessungen durch. Die Stadt Heilbronn hat im Jahr 2005 wie alle anderen Städte und Gemeinden Baden-Württembergs der LUBW "straßennahe Belastungsschwerpunkte" und die Verkehrszahlen gemeldet. Auch die Bebauung und Immissionsberechnungen spielen für die LUBW eine Rolle bei der Standortwahl für eine Spotmessstation. „Ich vermute, dass es in der Weinsberger Straße das größte Verkehrsaufkommen gibt, sonst wäre sie nicht gemeldet worden“, sagt Tatjana Erkert, Pressesprecherin der LUBW. In diesem Fall sei auch die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Schadstoffbelastung nirgendwo sonst in der Stadt höher ist. Gleichzeitig betont Erkert, dass die Messungen der LUBW zwar der Verordnung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes (BImSchV) unterliegen. Bei den Spotmessungen habe die LUBW, aber nicht den Anspruch, eine Aussage zu treffen, die flächendeckend für Heilbronn gelte.

LUBW-Feinstaubwerte Hans-Rießer-Straße
In der Hans-Rießer-Straße gab es 2016 nur drei Überschreitungstage. (Zum Vergrößern Klicken.)  

Den Standort Hans-Rießer-Straße hält Erkert für die städtische Hintergrundbelastung für „recht repräsentativ.“ Die Werte der Station in der Hans-Rießer-Straße bewegen sich seit Jahren im erlaubten Bereich. Die Grafik zeigt, dass die PM10-Tagesmittelwerte die Grenze 50 Mikrogramm pro Kubikmeter (µg/m3) Luft zwar ab und zu überschreiten - im Jahr 2011 gab es mit 28 Überschreitungstagen die meisten - der rote Bereich ist aber erst nach 35 Tagen erreicht.

Dann ist ja alles gut, oder?

Ja, das kann sein. Um das herauszufinden, misst die Stimme über die Feinstaubsaison mit 15 Geräten in der Fläche – direkt an Hauptverkehrsachsen, in Wohngegenden, wo viel mit Holz geheizt wird, und in der Innenstadt. Dann sehen wir, inwieweit sich die Messwerte mit denen der LUBW-Stationen decken.

 

Das wichtigste zum Feinstaub:
Feinstaub, englisch Particulate Matter genannt, besteht aus Partikeln, die kleiner sind als zehn Mikrometer – etwa ein Zehntel des Durchmessers eines Haares. Diese Teilchen sinken nicht sofort zu Boden, sondern halten sich in der Atmosphäre und können über weite Strecken transportiert werden.

Das Umweltbundesamt teilt die Partikel der Größe nach in drei Fraktionen ein:

  • bis zehn Mikrometer (PM10)
  • bis 2,5 Mikrometer (PM2,5)
  • bis 0,1 Mikrometer (PM0,1)

Vor allem Verbrennungsmotoren blasen die winzigen Teilchen in die Luft. Im Straßenverkehr entsteht Feinstaub auch durch Bremsen-, Reifenabrieb und Aufwirbelungen. Zu Emittenten zählen zudem Kraft- und Fernheizwerke oder Öfen und Heizungen in Wohnhäusern. Auch durch Industrie und Landwirtschaft gelangt der Staub in die Luft.

Und das kann gesundheitliche Folgen haben: Je feiner der Staub, desto schädlicher ist er. Wenn die Partikel nicht in der Nase oder den oberen Atemwegen aus der Luft gefiltert werden, gelangen sie tiefer in den Körper. PM2,5 können bis in die Lunge vordringen, ultrafeine PM0,1 gar bis in den Blutkreislauf. Erkrankungen der Atemwege und des Herz-Kreislaufsystems können folgen.