Wie Zweiflingen ohne einen Arzt klar kommt

Zweiflingen  Zweiflingen ist die einzige Gemeinde in der Region, in der es überhaupt keinen Arzt gibt. Wer kein Auto hat, ist aufgeschmissen. Die Zweiflinger helfen sich so gut es geht gegenseitig. Ein Ausblick für die Zukunft in anderen Gemeinden?

Von Simon Gajer

Städte und Gemeinden geben alles, um die Praxis des Hausarztes zu halten. Die Gemeinde Zweiflingen im Hohenlohekreis kennt nur die Situation ohne einen eigenen Allgemeinmediziner − und zwar auf der gesamten Gemarkung. Damit ist sie im Stimme-Verbreitungsgebiet einmalig.

Einen Aufschrei löst das unter den 1700 Einwohnern nicht aus, sie kennen es nicht anders und haben sich damit arrangiert. Es gibt trotzdem Ideen, das Leben ohne den eigenen Hausarzt langfristig angenehmer zu machen − denn wichtig ist die Mobilität.

Wer Kinder im Ort hat, kommt immer irgendwie zum Arzt

Ganz ohne

Gespräch beim TSV Zweiflingen (von links): Karl-Heinz Schultz, Theo Nadig, Heide Klink und Rosmarie Söllner. Fotos: Simon Gajer

 

Sorgen, einmal nicht mehr zum Arzt zu kommen, die hat Theo Nadig nicht direkt. "Jein", antwortet der Zweiflinger, der beim örtlichen TSV die Abteilung "Mach mit, bleib fit" leitet und sich in der Ortsgruppe Ohrnberg des Sozialverbands VdK engagiert.

Von vier Kindern leben drei vor Ort. "Da ist immer jemand greifbar", sieht er sich gut gerüstet, die Kilometer bis zum Allgemeinmediziner auch noch in einigen Jahren hinter sich zu bringen.

Um Zweiflingen herum ist die Lage gut, hat sich Nadig einen Überblick verschafft: 14 Praxen gibt es in Öhringen, zwei in Pfedelbach und vier in Neuenstein. Falls es doch einmal keinen Fahrer geben sollte, dürfte nur eines helfen: ein Taxi rufen. Auf die Busse warten, das ist seiner Ansicht nach keine Alternative. Die Hinfahrt ist das eine, nach Hause muss man ja auch noch. "Dann kann sein, dass man zwei Stunden in Öhringen wartet, bis man heimkommt."

Ältere Zweiflinger setzen für Arztfahrten auf ihre Familien

Auch für Karl-Heinz Schultz ist der öffentliche Personennahverkehr keine echte Alternative, sollte er einmal nicht mehr Autofahren können. "Es ist nicht akzeptabel, zur Bushaltestelle zu laufen", erzählt er. Seine Bekannte Heide Klink ergänzt, dass mit einer Busfahrt die Arztreise noch nicht zu Ende ist.

An der Haltestelle ist Schluss: "Dann bist du immer noch nicht beim Arzt." Die älteren Zweiflinger setzen stattdessen auf ihre Familien, Bekannte und Nachbarn. Und man hilft sich spontan. Trifft Heide Klink beispielsweise einen Zweiflinger in Öhringen, dann fragt sie immer: "Willst du mit heimfahren?"

Carsharing-Verein will helfen, dass Menschen gut versorgt sind

Ein Auto für den Ort. Das ist die Idee des recht jungen Carsharing-Vereins "Die Stromer", der erst Ende Oktober am Feuerwehrgerätehaus des Ortsteils Orendelsall die Einweihungsparty des Elektroautos feierte. Zunächst einmal geht es darum, dass Mitglieder das Kleinfahrzeug mieten können. Warum soll das Auto aber nur mit einer Person nach Öhringen unterwegs sein? "Wenn jemand fährt, kann er doch auch einen Passagier mitnehmen", sagt Vorstandsmitglied Horst Häberlen.

Der Buchungskalender soll deshalb so erweitert werden, dass man sehen kann: Wer fährt wann wohin? In solchen Fällen sollen sich Mitfahrer eintragen können. Die Fahrt zum Einkaufszentrum, zur Bank und eben auch zum Arzt kann so erleichtert werden. Darauf setzen jedenfalls die Vereinsverantwortlichen.

"Ich kann mir vorstellen, dass es funktioniert", ist Carsharing-Fan Häberlen optimistisch. Allerdings gibt er offen zu: "Wir haben Hürden zu überwinden." Das Mitfahrer-Angebot richte sich an ältere Nachbarn im Dorf, die nicht mehr so gut mobil sind. "Und diese Zielgruppe hat oft kein Internet." Horst Häberlen sieht daraus derzeit nur einen Ausweg. Er überlegt, ihnen im persönlichen Gespräch die Mitfahrt zu organisieren.

Hausarzt vor Ort? Das kennen die meisten gar nicht

Bürgermeister Klaus Gross Zweiflingen
Zweiflingens Bürgermeister Klaus Gross kennt die Gemeinde nur ohne Arzt. Foto: Simon Gajer  

Unterstützt wird die Mitfahrinitiative von der Gemeinde, allen voran von Bürgermeister Klaus Gross. "Die Einwohner müssen nach draußen", sagt er. Zum Einkaufen. Zum Arbeiten. Und eben auch zum Mediziner. Zweiflingen ohne Hausarzt − "ich kenne es nicht anders", sagt der Rathauschef und bleibt dabei entspannt. Das zu ändern, sei im Gemeinderat nie Thema gewesen.

Und selbst wenn, Zweiflingen hätte es nicht leicht. Bei sieben Ortsteilen würde sich die Frage stellen, welcher Ort genau der richtige für einen Mediziner wäre.

Wenn schon keine Praxis im Ort ist, muss die Mobiliät stimmen

Sicherlich geht es ohne eine ansässige Praxis. Die Menschen im Ort bekommen ihre Versorgung irgendwie geregelt. Der Bürgermeister macht sich dennoch seine Gedanken, wie es langfristig besser laufen könnte. Zweiflinger, sofern sie nicht auf den Besuch des Hausarzts warten wollen, müssen zum Mediziner gelangen.

"Die Mobilität ist das Zukunftsthema", sagt Bürgermeister Gross. Zu teuer sei es, alle 15 Minuten einen Bus fahren zu lassen. Beim Carsharing sehe das anders aus. "Da können wir als Gemeinde etwas tun." Und dann sind da ja die beiden Hausärzte, die im Ort wohnen und ihre Praxis außerhalb haben. Die will er einmal ansprechen und fragen, ob es die Möglichkeit einer Vor-Ort-Sprechstunde geben könnte.

Das Pflegeheim im Ort bekommt regelmäßig Arztbesuche

Ganz ohne
Das Pflegeheim Drendel mit 96 Bewohnern hat sich damit arrangiert, dass es in der Gemeinde keinen Arzt gibt. "Das war noch nie ein Problem", sagt Heimleiterin Sonja Steinbach. Foto: Simon Gajer  

Mediziner, die ihre Patienten bei Bedarf zu Hause aufsuchen, wollen sich nicht zur Situation ihres Heimatorts äußern. Wie zu hören ist, ist das mit einer kleinen Praxis in Zweiflingen, die nur wenige Stunden pro Woche öffnet, aber etwas komplizierter. Betriebswirtschaftlich sei es für einen Hausarzt mit kleinem Team schwierig, die Ausgaben zu stemmen. Rechnen könnte sich ein solches Angebot vielleicht, wenn die Gemeinde die Räume zur Verfügung stellt.

Kein Hausarzt. Das ist fürs Pflegeheim Drendel kein Standortnachteil. Die Einrichtung mit 96 Bewohnern hat sich damit arrangiert. "Das war noch nie ein Problem", sagt Heimleiterin Sonja Steinbach. "Wir haben tolle Hausärzte aus umliegenden Gemeinden." Die kämen regelmäßig ins Haus und besuchen ihre Patienten.

Hausärzte haben sich spezialisiert

"Vieles läuft auch telefonisch", sagt Sonja Steinbach. Das gelte sogar außerhalb der üblichen Sprechstunden: Mediziner wollen lieber in der Freizeit angerufen werden und selbst aktiv werden, als dass ein Patient zum ärztlichen Notdienst muss.

Einzelne Hausärzte hätten sich gerade wegen Drendel spezialisiert, schwärmt Sonja Steinbach. So gebe es einen Experten, der beispielsweise für jene Bewohner da sei, die mit Sauerstoff versorgt werden. Ein anderer kümmere sich um jene, die in der geschlossenen Abteilung untergebracht sind.

Video-Sprechstunden? Für die Zweiflinger bisher kein Thema

Große Hoffnung setzen viele Orte auf die digitale Sprechstunde, die zurzeit von Ärzten in Pilotprojekten genutzt wird. Für das Pflegeheim in Zweiflingen-Orendelsall sei das nichts − wegen der Haftung. Es gelten hohe Hürden. Steinbach gibt ein Beispiel: Sie müsste sich rechtfertigen, kämen in einem solchen Fall die Patientendaten an einer falschen Stelle an.

Auch die Zweiflingerin Heide Klink glaubt nicht, dass die Online-Sprechstunde derzeit eine Alternative für die älteren Bewohner wäre. Sie könnten gar nicht mit dem Internet umgehen.

Viele Einwohner haben sich mit der Situation abgefunden, zumal Hausärzte zu kranken Patienten nach Hause kommen oder auch Mitarbeiter zum Blutdruckmessen nach Zweiflingen schicken. Da ist eine Praxis im Ort nicht unbedingt erforderlich. "Wir sind froh, wenn es in Öhringen eine gute Versorgung gibt", meint Rosmarie Söllner. Und Theo Nadig findet: "Irgendwie kommt man schon hin."

 

Ärzte-Versorgung wird schwieriger

Die Kassenärztliche Vereinigung warnt: In den kommenden Jahren könnten rund 500 Arztpraxen in Baden-Württemberg keine Nachfolger finden. Ein dramatischer Zustand, gerade für den ländlichen Raum. Eine Lösung ist so schnell nicht in Sicht. Viele Gegenmaßnahmen wirken erst in vielen Jahren. Das Problem dürfte also erst einmal nur größer werden.

Deshalb befasst sich unsere Redaktion ausführlich mit dem Thema Ärztemangel:

Unsere Übersicht "Stadt, Land, Krank" zeigt, wie stark das Gefälle zwischen Stadt und Land ist bei der Versorgung von Ärzten.

Wir erklären, wie verschiedene Gemeinden in der Region Prämien für neue Ärzte bezahlen, weil der Mangel so groß ist.

Besonders spürbar ist der Mangel für Eltern. Kinder- und Jugendärzte müssen vielerorts schon Patienten ablehnen.

Außerdem haben wir einen Orthopäden in Neckarsulm besucht. Er berät einige seiner Patienten inzwischen vom Computer aus. Kann die sogenannte Telemedizin eine Lösung für Ärztemangel auf dem Land sein?

Mit einer interaktiven Karte können Sie testen, wie weit entfernt Sie von den nächsten Ärzten wohnen.

Wichtig, wenn die Auswahl an Ärzten abnimmt: Wann dürfen Ärzte überhaupt Patienten ablehnen?