Wie Mediziner auf Terroranschläge vorbereitet sind

Heilbronn  Der Rettungsarzt Matthias Helm vom Bundeswehrkrankenhaus in Ulm sensibilisiert Einsatzkräfte in Heilbronn für Gefahren wie Terroranschläge und Amokläufe. Er erklärt welche neuen Konzepte für solche Extremsituationen ausgearbeitet wurden.

Von Valerie Blass

Medizin in Terrorlagen
Der Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin: Ob sich auch die Retter in Gefahr begeben, war zunächst nicht klar. Foto: Archiv/dpa  

Die Bedrohung ist auch in Deutschland real. Das wurde vor einer Woche wieder deutlich, als ein Transporter zur tödlichen Waffe wurde - in ein Straßencafé in Münster, gelenkt von einem psychisch Kranken.

Für die Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst war zunächst nicht klar: Wie gefährlich ist die Lage vor Ort? Ist womöglich ein Sprengsatz im Auto deponiert, der die zu Hilfe Eilenden als sogenanntes zweites Ziel treffen soll? Was ist in dieser "bedrohlichen Einsatzlage" - so der Fachbegriff - zu tun, damit die Helfer sich nicht selbst gefährden?

Nicht mehr medizinische Bedürfnisse des Einzelnen bestimmen das Vorgehen

"Man kann sich in solchen Situationen nie sicher fühlen." Das ist die Botschaft von Matthias Helm, Anästhesist und Notfallmediziner vom Bundeswehrkrankenhaus in Ulm. Zivile medizinische Versorgungskonzepte seien in Terror- oder Amoklagen nicht anwendbar, erklärt Helm den über 100 Zuhörern von Behörden, Rettungsdiensten, Polizei und Feuerwehr in der Heilbronner DRK-Wache am Gesundbrunnen.

"Eine optimale individuelle Versorgung des Patienten wird nicht möglich sein. Sie müssen die Blutung stillen und so schnell wie möglich mit dem Patienten den Gefahrenbereich verlassen." Die Lehre aus der Militärmedizin müsse sein: Nicht mehr die medizinischen Bedürfnisse des Einzelnen, sondern die taktische Lage bestimmen das Vorgehen. Der Polizei kommt dabei eine entscheidende Rolle zu: Sie unterteilt in Gefahrenzonen - und beurteilt, ob es für die Helfer sicher ist, zum Anschlagsort zu kommen.

Möglichst viele Menschen sollen überleben, möglichst wenige Hilfskräfte gefährdet werden

"Wir müssen uns vorstellen, was wir uns nicht vorstellen können", sagt Helm: Dass Terroristen Explosionen herbeiführen, die verstümmeln, aber nicht töten. Dass sie warten, bis Helfer an den Anschlagsort kommen, um dann einen zweiten Sprengsatz zu zünden. Dass ein Krankenhaus Ziel eines sogenannten "second hit" wird. Daher sei es unerlässlich für die Retter, dass sie lebensgefährlich Verletzte schnell herausfiltern und sie aus einer unsicheren Zone retten.

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Ziel sei es, "das Überleben einer möglichst großen Anzahl von Menschen sicherzustellen und gleichzeitig die Gefährdung für Hilfskräfte zu minimieren". An Militärkrankenhäusern in Krisengebieten, sagt Helm, komme niemand in das Gebäude, der nicht zuvor auf Sprengstoff untersucht worden sei. Das habe ihm selbst beim Einsatz als Militärarzt zweimal das Leben gerettet.

In Deutschland könne die Polizei nicht jeden Bereich von Kliniken schützen. Deshalb sei es wichtig, sich "intelligente Konzepte zu überlegen". Helms Appell: "Denken Sie daran, die Notaufnahme zu einem sicheren Bereich zu machen."

Flächendeckend in Deutschland nicht ausreichend vorbereitet

Helm warnt davor, überzogene Ängste zu schüren, sagt aber auch deutlich: "Flächendeckend sind wir in Deutschland nicht ausreichend vorbereitet." Es brauche "adäquate Konzepte" und alle am Rettungsprozess Beteiligten sowie Kliniken müssten genau wissen, wofür sie verantwortlich seien. "Das muss gemeinsam geübt werden." In Großstädten wie Berlin und Hamburg seien Übungen bereits vorgeschrieben.

Dasselbe fordert Helm für Baden-Württemberg: "Der Rettungsdienst ist Ländersache. Wir haben schon viele gute Initiativen. Aber nun muss die Politik vorangehen und die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass alle Organisationen gemeinsam im Verbund üben."

"Solche Übungen sind teuer"

Dafür sei eine angemessene Finanzierung notwendig: "Solche Übungen sind teuer." Genauso wie die Ausrüstung für die Rettung von Menschen mit schwersten Verletzungen - etwa durch Explosionen oder Schüsse mit Kriegswaffen. Viele Kliniken bekämen ihr OP-Besteck oder Blutkonserven "just in time" - also kurzfristig zu geplanten Operationen - geliefert. "Das ist ein Problem." Genauso müsse der Rettungsdienst flächendeckend mit Ausrüstung zum Abbinden von Blutungen ausgerüstet werden.

Helm berichtet: Nach den Terroranschlägen in Paris im November 2015 seien die Sanitäter ohne Gürtel in die Notaufnahmen gekommen. Die Gürtel wurden gebraucht, um die Blutungen der Dutzenden Schwerstverletzten abzubinden. Als Ersatz für sogenannte Tourniquets - spezielle Abbindevorrichtungen, die nicht in ausreichender Zahl vorhanden waren. Auch in Deutschland sei "der Bevölkerungsschutz jahrelang runtergefahren" worden. Helms Appell: "Das müssen wir umkehren und mit Augenmaß Vorbereitungen für den Ernstfall treffen."

Kooperation zwischen Zivilmedizin und Militärmedizin

Die Zivilmedizin müsse noch stärker von der Militärmedizin lernen, was solche Bedrohungslagen betrifft, sagt der Bundeswehrarzt. Teilweise gebe es Kooperationen, "aber wir müssen das intensivieren". Denn kaum ein ziviler Arzt in Deutschland habe Erfahrung mit Spreng- und Amputationsverletzungen, mit denen es Militärchirurgen regelmäßig zu tun haben. Auf diesen "Albtraum" müsse man sich auch als Mediziner einstellen.

 

In allen Stadt- und Landkreisen wurden Einheiten des Katastrophenschutzes eingerichtet

"Auch wir bereiten uns vor", sagt Georg Breuer von der Leitenden Notarztgruppe. Vertreter von Behörden und Rettungs-Organisationen träfen sich regelmäßig, "um Konzepte zu erarbeiten und gewappnet zu sein". Im nächsten Schritt gehe es darum, die Zusammenarbeit mit Kliniken außerhalb der "engen Verzahnung in der Regelrettung" zu intensivieren.

Das Innenministerium in Stuttgart verweist auf regelmäßige Anpassungen der Notfallkonzepte sowie Schulungen für Einsatzkräfte. In allen Stadt- und Landkreisen seien Einheiten des Katastrophenschutzes zur Bewältigung eines Massenanfalls von Verletzten eingerichtet worden. "Wir sorgen mit einer zielgerichteten Ausstattung des Rettungsdienstes und der Katastrophenschutzeinheiten sowie mit zwischen Bevölkerungsschutz und Polizei abgestimmten Konzeptionen bestmöglich vor", sagte Innenminister Thomas Strobl unserer Redaktion.