Weidetierhalter haben auch ohne Wölfe viele Probleme

Region  Schäfer leisten einen wichtigen Beitrag für Landschaftspflege, kämpfen aber mit finanziellen Problemen. Wolle ist zu einem wertlosen Produkt geworden. Sorgen machen sich die Schäfer wegen der Rückkehr des Wolfes.

Von Reto Bosch

Weidetierhalter haben auch ohne Wölfe viele Probleme
Erwin Württemberger hält 400 Schafe. Das Fleisch vermarktet er mit seinem Familienbetrieb in Ellhofen selbst. Foto: Reto Bosch  

Erwin Württemberger ruft seine 400 Schafe. So richtig eilig haben es die Tiere nicht, den Lockungen des Ellhofener Landwirts zu folgen. Erst als Hütehund Hexe ins Geschehen eingreift, bewegen sich die Schafe und wechseln die Wiese. Ein idyllisches Bild. Aber nur auf den ersten Blick. Schon seit Jahren kämpfen viele Schäfer mit wirtschaftlichen Problemen. Dabei leisten sie für die Landschaftspflege wertvolle Dienste. Und nun blicken die Weidetierhalter mit Sorge auf die Rückkehr des Wolfes.

Schafe helfen, die Artenvielfalt zu bewahren

Im Sulmtal, an den Hängen der Löwensteiner Berge oder auf der Heilbronner Waldheide ist Erwin Württemberger mit seiner Herde unterwegs. In der dritten Generation. Oft auf Wiesen, die für Traktoren viel zu steil sind. Schafe halten Gelände offen, drängen Brombeeren und andere Büsche zurück. "Für die Landschaftspflege sind die Herden ganz enorm wichtig", sagt Bettina Kluding, Geschäftsführerin des Landschaftserhaltungsverbands Heilbronn. Die Schafe erhalten Lebensräume für eine Vielzahl von Arten, die in intensiv genutztem Grünland nicht überlebensfähig sind. Kluding: "In Löwenstein wurden auf Weiden Salbei, Thymian, Büschelnelke, Hornklee und kleine Bibernelle gefunden."

Auch die Landesregierung zweifelt nicht am Wert der Weidehaltung. Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) sieht darin einen wichtigen Faktor zur Erhaltung der Biodiversität. "Der selektive Biss und Tritt der Tiere fördert die Artenvielfalt in verschiedener Hinsicht." Zudem werde bei der Wanderschäferei durch das nächtliche Pferchen auf bestimmten Flächen der Nährstoffaustrag aus den Magerrasen gewährleistet. Umwelt-Staatssekretär Andre Baumann erklärt mit Blick auf die Schäfereien: "Wegen ihrer großen Bedeutung für den Naturschutz ist es unsere originäre Aufgabe, die Betriebe im Land zu unterstützen."

Die Familie Württemberger vermarktet ihr Lammfleisch selbst

Viel Anerkennung, hohe Einnahmen? Erwin Württemberger lächelt und schüttelt den Kopf. Die Wolle zum Beispiel bringt fast gar nichts mehr ein. Der Ellhofener ist froh, dass er einen Abnehmer für seine Merino-Wolle hat, damit die Schur nicht zum Minusgeschäft wird. Andere Kollegen müssten die Wolle entsorgen. Bleibt das Fleisch. Die Württembergers haben sich einiges einfallen lassen: Hofladen, SB-Automat, Besenwirtschaft. So profitieren sie von der gesamten Wertschöpfungskette. Viel mehr können sie auch nicht tun. Mit einer Ausnahme: Anträge schreiben. Für Zuschüsse.

Bei den Schäfereien stammen laut Landwirtschaftsministerium nur ein Drittel der Einnahmen aus der Tierhaltung, zwei Drittel kommen aus staatlichen Ausgleichsleistungen. Nicht der Verkauf von Wolle, sondern Infusionen aus den Töpfen der EU-Direktzahlungen oder Umweltprogramme wie Fakt und Landschaftspflegerichtlinie halten viele Betriebe also am Leben - manche geben aber auch auf.

Zahl der Schafe sinkt seit Jahren

In einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage mehrerer SPD-Abgeordneter nennt das Landwirtschaftsministerium Zahlen: 2003 habe es knapp 3500 Schäfereien gegeben, 2016 waren es noch 2700. Die Zahl der Schafe sank von 294.000 auf 244.000. Der Trend im Hohenlohekreis ist ähnlich, im Landkreis Heilbronn sieht er anders aus. Die Vereinigung der deutschen Landesschafzuchtverbände fordert deshalb eine Weidetierprämie, wie es sie in vielen EU-Mitgliedsstaaten gibt. In Baden-Württemberg sind knapp 40 Euro pro Schaf und Jahr im Gespräch. Minister Hauk setzt eher auf eine Weiterentwicklung der flächengebundenen Weideprämie. Eine Entscheidung steht noch aus.

All diese Probleme, und jetzt kommt auch noch der Wolf. Erwin Württemberger will die Entwicklung abwarten, noch keine lautstarken Forderungen formulieren. Klar sei: "Der Aufwand wird größer." Er nutze bereits heute Elektrozäune mit einer Höhe von 1,06 Metern. Im neu ausgewiesenen Wolfsland im Nordschwarzwald werden 90 Zentimeter gefordert. Sollte das Raubtier auch in der Region aktiv werden, will Württemberger noch mehr Nächte bei seinen Schafen verbringen. "Im VW-Bus schläft man dann besser als zu Hause im Bett." Mit dabei ist dann auch Hütehund Hexe. Die vierbeinige Alarmanlage.

 


Kommentar: Wertvoll

Von Reto Bosch

Reto Bosch

In einer Hinsicht hätte den Weidetierhaltern in Baden-Württemberg gar nichts besseres passieren können als die Rückkehr des Wolfes: Endlich stehen sie im Fokus der Öffentlichkeit, endlich beschäftigen sich Politik und Gesellschaft mit ihren Problemen, die es schon viel länger gibt als Meldungen von Wolfsrissen. Nie zuvor dürften die Schäfer von so vielen unterschiedlichen Seiten gehört haben, wie wichtig die Arbeit ihrer wolligen Landschaftspfleger ist.

Man fragt sich nur: Warum wurde dann jahrelang zu wenig unternommen, um die wirtschaftliche Situation der Weidetierhalter zu verbessern? Warum ist es bis heute nicht gelungen, angemessene Vermarktungsmöglichkeiten für den qualitativ hochwertigen Rohstoff Wolle zu finden? Die Landwirte erhalten zwar Geld aus öffentlichen Kassen. Das reicht - für die meisten - gerade so zum Überleben. Aber mehr auch nicht.

Im Grunde ist es ganz einfach: Die tierische Landschaftspflege erhält die Artenvielfalt und ist damit im Interesse der Allgemeinheit. Schäfer sind in diesem Sinne Dienstleister. Und Dienstleistungen sind auskömmlich zu bezahlen. Es spricht also viel für eine Weidetierprämie, die Schäfer in anderen Ländern schon längst erhalten. Stehen die Landwirte mit ihren Herden dann auf wirtschaftlich fetteren Wiesen dürfte deutlich werden: Der Wolf war sicher nicht das Hauptproblem der Weidetierhalter.