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Von einem Schuldner zum nächsten
Von Siegfried Lambert
Region Heilbronn - Martina Dvorska (Foto: Lambert) ist eine zierliche junge Frau mit blonden Haaren und einem ansteckenden Lachen. So stellt man sich eigentlich keine Gerichtsvollzieherin vor. „Ich bin zwar klein, habe aber eine große Klappe“, sagt die 30-Jährige kess, wenn sie darauf angesprochen wird. Die braucht sie in ihrem Job ebenso wie eine große Portion gesundes Selbstvertrauen.
Das Leben hält einige unbequeme Wahrheiten bereit. Eine davon lautet: Nicht mehr ausgeben, als man sich leisten kann. Das schafft nicht jeder. Wer diese Regel nicht beherzigt, bei dem steht früher oder später Martina Dvorska oder einer ihrer Kollegen vor der Tür.
An diesem Morgen fährt sie von ihrem Büro in Böckingen als erstes in eine Landkreisgemeinde zu einer Zwangsräumung. Auch dafür sind Gerichtsvollzieher zuständig. Vor einem adretten Wohnhaus steht ein großer Möbelwagen und am Eingang der Einliegerwohnung der unglückliche Vermieter mit drei kräftigen Möbelpackern. Er wartet seit einem Jahr auf seine Miete. „4000 Euro Mietschulden“, sagt er resigniert. „Die Frau hat sich nicht einmal geschämt.“
Verdreckte Wohnung
Die Mieterin ist schon seit Wochen nicht mehr gesehen worden, der Briefkasten quillt über mit Post. Martina Dvorska klingelt trotzdem, öffnet dann die Wohnungstür. Die Zimmer wirken unordentlich und verlassen, in der Küche stapelt sich schmutziges Geschirr, die Dusche ist verdreckt. Die Packer machen sich an die Arbeit.
„Geht ja noch, ich habe schon Schlimmeres gesehen“, sagt die Anwältin des Vermieters, die dazu kommt. Die Möbel werden abtransportiert. „Sollten Kriechtiere rauskommen, dann bitte wegwerfen“, ruft ihnen Dvorska nach. Diesmal läuft alles reibungslos. Vor sechs Wochen lag in einer Wohnung eine tote Katze. Der Gestank war entsetzlich. „Ich habe das Protokoll vor der Tür geschrieben“, sagt Dvorska und schüttelt sich.
Ratenzahlung
Der nächste Termin: Ausstehende Krankenkassenbeiträge bei einem kleinen Gaststättenbetreiber im nächsten Ort. Dem Mann ist der Besuch sichtlich unangenehm. Er hat das Geld nicht. Dvorska schlägt eine Ratenzahlung vor, denn zum Pfänden ist weit und breit nichts zu sehen. „Es wird wohl auf eine eidesstattliche Versicherung (EV) hinauslaufen“, sagt sie hinterher.
Früher hieß das Offenbarungseid. Wer den ablegt, hat drei Jahre lang keine Chance mehr auf einen Kredit. Er ist zahlungsunfähig und wird ins Schuldnerverzeichnis beim Amtsgericht eingetragen. Die Schufa (Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung), bei der auch die Banken ihre Auskünfte beziehen, holt sich dort ihre Daten.
Lohnpfändungen
Wenige Minuten später steuert Dvorska eine Firma im Nachbarort an. Sie überbringt zwei Lohnpfändungen. Die Dame aus der Personalabteilung reagiert routiniert. „Bei kleineren Summen reden wir mit den Beschäftigten. Aber dieser Betrag ist zu hoch.“ Es sind mehrere zehntausend Euro.
Der nächste ihrer Kunden, die bei der Beamtin ganz korrekt „Schuldner“ heißen, ist ausgerechnet ein Finanzdienstleister. Eine Angestellte reicht Dvorska peinlich berührt eine letzte Rate ausstehender Zahlungen über die Theke und erhält dafür eine Quittung. „Der Mann kann mit Geld offenbar nicht so gut umgehen“, sagt sie trocken, als sie wieder im Auto sitzt.
"Man wird abgehärtet"
Seit vier Jahren arbeitet die junge Frau als Gerichtsvollzieherin. Eigentlich, erzählt sie, wollte sie in den gehobenen Justizdienst. Aber als sie die Bewerbungsunterlagen im Amtsgericht Sigmaringen abholen wollte, waren alle Mitarbeiter bis auf einen auf Betriebsausflug. Der riet ihr ab: „Das ist doch langweilig – werde Gerichtsvollzieher', sagte er und nahm mich in sein Büro.“ Was er ihr dort über seine Arbeit erzählte, machte sie neugierig. „Er schilderte mir den Beruf als aufregend und abwechslungsreich. Der Mann hatte Recht.“ Hat der Beruf sie verändert? „Man gewöhnt sich daran, angelogen zu werden“, antwortet Dvorska nüchtern. „Man wird eben abgehärtet“.
Gerichtsvollzieher sind keine Sozialarbeiter. Aber gelegentlich baut auch Martina Dvorska Schuldnern goldene Brücken. Mit dem Angebot einer Ratenzahlung beispielsweise oder dem Tipp, sich direkt mit dem Gläubiger ins Benehmen zu setzen.
Handyverträge, Versandhäuser und Versicherungen sind Schuldenfallen. Eine Forderung von 100 Euro kann in ein paar Jahren ruckzuck auf 300 bis 400 Euro anwachsen. „Ich weiß, wie es ist, mit wenig Geld leben zu müssen, und habe auch keine Schulden gemacht“, sagt Dvorska bestimmt.
Probleme als Frau in diesem Beruf hat sie nur selten. „Ich behandle die Leute niemals von oben herab.“ Manche Männer fühlten sich von einem großen Mann sogar eher bedroht als von einer kleinen Frau, sagt sie.
Viele Schuldner trifft sie an diesem Tag nicht an. „Das ist normal“, sagt sie und wirft einen Brief mit einer Zwangsvollstreckungsankündigung in den nächsten Briefkasten.
Haftbefehle
Kurz vor Mittag muss sie einer „Mehrfach-Schuldnerin“ gleich zwei Haftbefehle zustellen. „Sie sind das letzte Mittel“, sagt Dvorska. Wer der Aufforderung zur eidesstattlichen Versicherung nicht Folge leistet, erhält einen ihrer roten Warnbriefe, denen notfalls mit der Polizei Nachdruck verliehen wird.
„Sie ist nicht da, was wollen Sie?“, poltert ein älterer Herr los, als Dvorska ihn anspricht. Die Beamtin lässt sich nicht ins Bockshorn jagen und hält locker dagegen. Schließlich stellt sich heraus, dass es der Ex-Mann ist, der die junge Frau offenbar für eine Freundin seiner Geschiedenen gehalten hat. Dvorska akzeptiert seine Entschuldigung und wirft die Briefe ein.
„Ich habe keine Ahnung, was das ist,“ versichert kurz darauf eine junge Frau, der die Gerichtsvollzieherin eine neue Forderung übergibt. Es ist nicht die erste. „Das sagen fast alle“, schüttelt Martina Dvorska hinterher den Kopf.
Chaos
Es gibt Familien, denen die Schulden über den Kopf wachsen, und die trotzdem aus Fehlern nichts lernen. Denen auch kein Schuldnerberater mehr helfen kann. Die junge Frau, bei der Martina Dvorska anschließend klingelt, gehört dazu. Sie lebt mit ihren Kindern in einem verwohnten Mehrfamilien-Haus. Ihre Wohnung ist unaufgeräumt und wie ihr ganzes Leben: ein einziges Chaos. „Ich habe Probleme“, sagt die Alleinerziehende nervös, während ihr Freund ohne Gemütsregung im Wohnzimmer sitzt und fernsieht.
Die junge Gerichtsvollzieherin geht mit ihr freundlich und geduldig den Fragebogen für die eidesstattliche Versicherung durch. Kontostand: ein Euro, nichts pfändbares in den Zimmern. Dvorska verabschiedet sich und sagt: „Bis zum nächsten Mal“. Es ist ernst gemeint, keine Ironie. „Ja, gut“, erhält sie zur Antwort. Die Beamtin hat die Familie von ihrem Amtsvorgänger übernommen. „Hier wird sich in den nächsten Jahren nichts ändern“, sagt sie resigniert, und das klingt ziemlich endgültig.
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