„Vertrauensmissbrauch der Hilfsorganisationen“

Interview  Sie sind wieder in der Region unterwegs: Fundraising-Mitarbeiter, die im Auftrag von Agenturen für Hilfsorganisationen an der Haustür um Spenden bitten. Kevin Brutschin, 42-jähriger Lehrer und früher selbst Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, ist entschiedener Gegner dieser Vorgehensweise.

Von Adrian Hoffmann


Warum halten Sie von dieser Art des Spendensammelns rein gar nichts?

Kevin Brutschin: Weil diese Spendensammler meistens gar nicht von den Hilfsorganisationen selbst sind, sondern von kommerziellen Spendensammelfirmen - sogenannten Fundraising-Agenturen. Diese profitorientierten Werbeunternehmen führen die Haustür- und Straßensammlungen also lediglich im Auftrag der Non-Profit-Organisationen aus - natürlich nicht gratis - nur ist das leider  noch immer einem Teil der Bevölkerung nicht bewusst. Wie denn auch? Die Sammler, die immer öfter als Drücker bezeichnet werden - so wie die Hausierer, die einem zum Beispiel Telefonverträge aufschwatzen wollen - sind ja als Hilfsorganisationsmitarbeiter getarnt. Zum Beispiel, indem sie Kleidung mit Logos der Hilfsorganisationen tragen.

Der Spender wird hier also glasklar getäuscht. Deshalb bin ich - gerade als ehemaliger Hilfsorganisationsmitarbeiter - schockiert, dass es dieses Sammelsystem überhaupt noch gibt. Es existieren zwar schriftliche Hinweise, dass die Kampagnen von kommerziellen Agenturen durchgeführt werden. Diese sind aber absichtlich klein und versteckt angebracht, so dass sie kaum jemand sieht. Zumal die Leute bei Hilfsorganisationen ja gutgläubig reagieren, da sie meinen, sie könnten diesen vertrauen. Diesen Vertrauensmissbrauch von Seiten der Hilfsorganisationen finde in jeglicher Hinsicht inakzeptabel. 

 


Welchen Umgang empfehlen Sie Anwohnern, wenn die Sammler mal wieder an der Haustür klingeln?

Brutschin: Ich pflege jeweils zu fragen, ob der Sammler von der Hilfsorganisation selbst ist oder von einer Agentur. Meiner Erfahrung nach sind die meisten Sammler wenigstens noch so ehrlich und geben ihre Identität preis, wenn jemand konkret danach fragt. In den allermeisten Fällen folgt also ein Ja. Dann sage ich bestimmt, dass ich nicht gewillt bin, mit meiner Spende den Gewinn einer kommerziellen Sammelfirma mitzufinanzieren, und man solle das bitte akzeptieren. Entweder der Sammler akzeptiert das also. Oder aber er versucht mich mit einer trickreichen Entgegnung doch noch in die Falle zu locken. Wie: Aber haben Sie denn kein Herz für Tiere, wenn er beispielsweise im Auftrag einer Tierschutzorganisation unterwegs ist. Emotionaler Druck. 

 


Und wie reagiert man darauf wiederum am besten? 

Brutschin: In diesem Fall gibt es meiner Meinung nach leider keine andere Möglichkeit, als den Sammler zu ignorieren. Ebenfalls empfehlenswert ist die Frage: Sind Sie selbst auch Mitglied bei dieser Hilfsorganisation? Tatsächlich sind viele Sammler selbst nicht mal Mitglied der Organisationen, in deren Auftrag sie sammeln. Hier folgt in diesem Sinn zumeist ein Nein, womit der Sammler seine Glaubwürdigkeit einbüßt und sich die Sache in der Regel ebenfalls souverän erledigen lässt.

 


Sie haben selbst für "Ärzte ohne Grenzen" und "Terre de Hommes" gearbeitet. Läuft das da auch so wie bei DRK, Maltesern, Johannitern und Co.? 

Brutschin: Das ist von Land zu Land verschieden. Die Schweizer Sektion von Ärzte ohne Grenzen ist beispielsweise tatsächlich bei so einer Face-to-Face-Agentur, während Ärzte ohne Grenzen Deutschland die Sammelaktionen selbst macht. Ich vertrete inzwischen die Meinung, dass globale Hilfsorganisationen mit verschiedenen Ländersektionen sich schon lange gesamtheitlich von solchen Sammlungen hätten distanzieren sollen, was leider in den seltensten Fällen zutrifft. Ehrlich gesagt traue ich gerade den großen und bekannten Hilfsorganisationen am wenigsten. Es ist ja auch symptomatisch, dass gerade das Rote Kreuz und Greenpeace, also zwei der angesehensten Hilfsorganisationen, genau diejenigen waren, die als erstes mit solchen kommerziellen Haustür-  respektive Straßensammelfirmen zusammengearbeitet haben. Das ist genauer gesagt sogar das Fatale an der ganzen Entwicklung. Denn das deswegen immer mehr ramponierte Image solcher Giganten färbt zunehmend auf den gesamten Hilfsorganisationssektor ab.

 


Wie gehen Ihre Ex-Arbeitgeber denn damit um, dass Sie als solch aktiver Gegner dieser Vorgehensweise inzwischen auch in der Öffentlichkeit agieren?

Brutschin: Sie haben anscheinend ein Abonnement auf unangenehme Fragen. Natürlich sind diese nicht begeistert. Ich habe keinen Kontakt mehr zu meinen früheren Arbeitskollegen. Aber es blieb keine andere Möglichkeit. Ich habe mich nämlich erst an die Medien gewendet, nachdem ich bei den Hilfsorganisationen direkt einen Meinungsumschwung herbeizuführen versucht hatte - vergeblich.

 


Und worin liegt Ihre Motivation? 

Brutschin: Die beziehe ich aus der Empörung über das zutiefst unfaire Verhalten der Hilfsorganisationen gegenüber ihrer Spenderschaft. Gerade im Hilfsorganisationssektor sollten doch Werte wie Selbstlosigkeit oder Ehrlichkeit noch was zählen? Nur deswegen hatte ich dazumal überhaupt eine Arbeit im Non-Profit-Bereich angestrebt. Das Hauptmotiv dieser Spendenfirmen ist Profit, obwohl sie für eine Non-Profit-Organisation unterwegs sind. Das ist doch offenkundig absurd? Und der Spender kann diesen ethischen Grundkonflikt im Übrigen auch nachempfinden, denn in der Regel machen die Leute bereits nicht mit, nur allein durch das Wissen, dass sie von einem Angestellten einer profitorientierten Institution bearbeitet werden.

Genauer gesagt sind die Werber ja in diesem Sinn geradezu gezwungen, vorzutäuschen, sie seien Hilfsorganisationsleute. Mit anderen Worten: Diese Sammelzusammenarbeit geht gar nicht auf, und zwar von A bis Z nicht. Langfristig sind diese Kooperationen sogar regelrecht existenzgefährdend, denn die Non-Profit-Organisationen verspielen damit systematisch ihre Glaubwürdigkeit. Ich meine: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

 


Früher haben viele Hilfsorganisationen diese Form der Spendenwerbung ja selbst abgelehnt, mittlerweile arbeiten sie fast alle mit sogenannten Fundraising-Dienstleistern zusammen. Wie kam es zu dieser 180-Grad-Wendung?

Brutschin: Zu diesem Thema bin ich bei meinen Recherchen gerade erst auf ein einige Jahre altes Interview mit dem Chef der Agentur Talk2move gestoßen, die vor wenigen Monaten in der Nürnberger Zeitung heftig kritisiert wurde. Dieser erzählt dort von seinen besten Tagen als Sammler - praktisch alle heutigen Spendenfirmenbosse sind ehemalige Topsammler, oder besser gesagt Profi-Manipulatoren. Das war im Jahr 1994, als der Agentur-Chef in den neuen Bundesländern sammelte. Dort gab es damals noch Ortschaften, in denen noch nie ein Sammler dieser Art gewesen ist. Da hatte man natürlich freie Bahn, zumal ja noch niemand wusste, dass hinter den Sammlungen kommerzielle Fundraising-Unternehmen stecken.

In einer Gemeinde von 2.000 Einwohnern schrieb er 1.800 auf. Man muss sich das mal vorstellen: Das heißt, neun von zehn Leuten machten damals mit. Da wird man noch trotz Trödelns auf 20 Abschlüsse pro Tag gekommen sein, beziehungsweise eher 25. Die Antwort liegt also auf der Hand. Die Hilfsorganisationen haben sich vom anfänglichen Erfolg der Sammelzusammenarbeit blenden lassen. Und sogar beide Augen zugedrückt, wenn sich Sammler Monatslöhne von 12.000 Mark einsteckten. Denn das war mit dem Leistungslohn und den erreichbaren Verkaufszahlen in früheren Jahren absolut im Bereich des Möglichen.   

 


Haben Sie Erkenntnisse darüber, wie hoch die Provisionen für Spendensammler und beauftragter Firmen in der Regel heute sind?

Brutschin: Während in den besten Tagen dieser Sammelart wie gesagt Durchschnittswerte von 20 Abschlüssen durchaus möglich waren, gab der Inhaber der Sammelfirma DialogDirect im Fundraiser Fachmagazin für professionelle Spendensammler 2013 zu Protokoll, dass sich nur noch drei bis fünf Spendenzusagen pro Tag ergäben. Tatsächlich sind es heute nur noch zwei bis vier, genauer gesagt bei gewissen Betrieben sogar nur noch zwei bis drei - denn inzwischen sind ja auch schon wieder drei Jahre mit sinkenden Verkaufszahlen vergangen. Konkret sind sie im Vergleich zu früher sogar geradezu eingebrochen, was sich natürlich auch negativ auf die erfolgsabhängigen Sammlerlöhne auswirkt. Diese Entwicklung lässt sich weltweit beobachten lässt, sogar am anderen Ende der Welt.

So berichtete der australische Nationalsender ABC Ende Oktober von einer 60 Millionen Euro-Sammelklage von unterbezahlten Werbern gegen die dort berüchtigte Face-to-Face-Fundraisingfirma. 2014 berichtete aber auch die taz, um zu Deutschland zurückzukommen, von skandalösen Zwei-Euro-Stundenlöhnen für Sammler. Da prangern Hilfsorganisationen wie Amnesty International also beispielsweise bei den WM-Stadionarbeiten in Quatar die anscheinend an Sklavenarbeit erinnernden Arbeitsbedingungen von Bauarbeitern an, aber sehen nicht, dass die Sammler in ihren eigenen Sektoren und im eigenen Land genauso mit Hungerlöhnen abgefertigt werden.

Erst mit bundesweiter Einführung der Mindestlöhne 2015 hat sich die Situation für weniger erfolgreiche Sammler merklich verbessert, im Hilfswerkbereich hat vorher niemand einen Finger dagegen gerührt. Provisionen, dass heißt eben erfolgsabhängige Entlohnungen, wie sie immer noch in einem bestimmten Rahmen praktiziert werden, sollten generell verboten sein. Sie führen erfahrungsgemäß zu einem Wertezerfall im Fundraising: Man erbringt dann gute Leistungen wegen des erhöhten Lohnes und nicht mehr wegen der guten Sache, woraus rücksichtsloses Vorgehen beim Sammeln resultiert - heute noch verstärkt durch erhöhten Verkaufsdruck aufgrund der sinkenden Absatzzahlen. Deshalb ist auch die Mitglieder-Bleibezeit drastisch gesunken: Es gibt immer mehr Leute, die sich im Nachhinein zu einer Mitgliedschaft überredet worden fühlen, und demzufolge schon bald wieder kündigen. 


 

Sie bezeichnen die Sammler auch gerne als Wohltätigkeits-Straßenräuber? Gehen Sie damit nicht etwas zu weit? Die Hilfsorganisationen verteidigen ihr Vorgehen auf Anfragen von Medien.

Brutschin: Ich empfinde das schon fast als Beleidigung. Ich wäre stolz, wenn diese Wortkreation von mir käme! Ich habe sie aber lediglich aus dem Englischen übersetzt. In vielen englischsprachigen Ländern werden die Sammler nämlich Chuggers genannt, zusammengesetzt aus Charity (=Wohltätigkeit) und Mugger (=Straßenräuber). In Umlauf gebracht hat die Bezeichnung außerdem der wohl renommierteste Nachrichtensender der Welt; die englische BBC, und zwar bereits 2002. Und ja, dass die Hilfsorganisationen ihr Vorgehen gegenüber den Medien verteidigen, kenne ich von der Schweiz her nur zu gut.

Besonders das Lieblingsargument der Hilfsorganisationen, dass die Sammlungen offensichtlich billiger kämen, als wenn man sie selber machen würde. Nur stimmt das leider gar nicht. Und glücklicherweise machen inzwischen die wenigen Organisationen wie Save the children Deutschland, welche erfolgreich auf Eigendurchführung der Aktionen umgestellt haben, auch keinen Hehl aus diesem Fakt. Es gibt einen ganz menschlichen Grund, warum die Hilfsorganisationen diesen Sammeldienst in Anspruch nehmen: Sie müssen den mühsamen, undankbaren Sammlerjob nämlich so nicht selber machen, ganz einfach. 

 


Können Sie persönlich denn die jungen Leute, oft Studenten, verstehen, die von Tür zu Tür gehen und um Spenden bitten?

Brutschin: Ich kann verstehen, wenn man auf die verlockenden Angebote der Fundraising-Firmen hereinfällt. Die Spendenfirmenbosse wissen als ehemalige Topsammler ja nur zu gut, wie man Leute um den Finger wickelt. Sinnvolle Arbeit, guter Verdienst; wer sagt dazu schon Nein? Gleichzeitig meine ich aber auch: Wer diesen Job dann wirklich macht, und nach sagen wir mal spätestens drei Wochen noch nicht gemerkt hat, dass die Leute hier mindestens in einem ethischen Sinne betrogen werden, für den ist mein Mitgefühl sehr begrenzt.