Verdi ruft zum Streik, viele Beschäftigte folgen

Region  Busse stehen still, Kindergärten sind geschlossen: Am Mittwoch legten Beschäftigte des öffentlichen Diensts die Arbeit nieder. Rund 1500 Streikende versammelten sich auf dem Heilbronner Kiliansplatz. Am Donnerstag droht in Stuttgart ein Verkehrschaos.

Von Heike Kinkopf und Joachim Friedl

 

„Wir sind es wert“ und „Wir wollen mehr Kohle“. Mit diesen Parolen verliehen am Vormittag rund 1500 Streikende des öffentlichen Dienstes und der Telekom auf dem Kiliansplatz in Heilbronn ihrer Forderung nach mehr Geld lautstark Nachdruck. Lärm aus Trillerpfeifen und Trommelwirbel unterstützten die Forderung. Verdi fordert unter anderem sechs Prozent mehr Lohn, mindestens aber 200 Euro monatlich mehr.

Vor Beginn der größten Kundgebung in der Geschichte des Verdi-Bezirks Heilbronn-Neckar-Franken waren vier Demonstrationszüge durch die Stadt marschiert und hatten die Arbeitgeber aufgefordert, endlich ein Angebot vorzulegen. Schwerpunkte des ganztägigen Warnstreiks sind der öffentliche Nahverkehr in Heilbronn und Kindertageseinrichtungen in Kommunen der gesamten Region Franken. Stadtbusse der Verkehrsbetriebe Heilbronn blieben den ganzen Tag im Depot.

Kampfansagen und euphorische Stimmung

„Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst verdienen mehr Respekt“, rief Verdi-Landesbezirksleiter Martin Gross den Streikenden auf dem Kiliansplatz zu. Sollten die Arbeitgeber bei der kommenden Verhandlungsrunde am 15. und 16. April in Potsdam kein vernünftiges Angebot unterbreiten, dann werde es „richtig in der Kiste rappeln“. Eines steht für Gross fest: „Wir werden uns nicht billig abspeisen lassen.“

Den starken Rückenwind des Warnstreiks in Heilbronn nimmt Sven Göbel mit zu den Verhandlungen: „Es ist phantastisch, was hier abgeht“, ließ sich der Personalrat bei der Stadt Heilbronn von der euphorischen Stimmung anstecken. Göbel gehört seit Jahren der Bundestarifkommission an. „Wenn das, was auf dem Kiliansplatz abgeht, den Arbeitgebern nicht reicht, um ein vernünftiges Angebot vorzulegen, dann werden wir die Warnstreiks fortsetzen und verstärken“, sagte Marianne Kugler-Wendt, Geschäftsführerin des Verdi-Bezirks Heilbronn-Neckar-Franken.

Solidarisch in den Warnstreik des öffentlichen Dienstes reihten sich fast 200 Beschäftigte der Telekom-Niederlassungen in der Region Heilbronn-Franken ein. Auch sie kämpfen für eine gerechte Bezahlung. „Was die Telekom-Arbeitgeber bislang als Angebot unterbreitet haben, ist schäbig“, wetterte Gewerkschafter Rudi Müller und sagte: „Wir sind zum Streik bereit.“  

Die Polizei war mit 30 Beamten im Einsatz. Polizeidirektor Thomas Nürnberger: „Trotz der hohen Streikbeteiligung lief alles sehr geordnet, sehr diszipliniert ab. Verkehrsstörungen haben sich in Grenzen gehalten.“

Not-Kita in Neckarsulm

Die Auswirkungen des Streiks waren am Morgen auch in Neckarsulm zu spüren. Vor der Kindertagesstätte an der Salinenstraße herrscht am Morgen kein Kommen und Gehen. Ab und zu eilt eine Mutter herbei und bringt ihr Kind. So wie Lissy Baumann. Die 35-Jährige hat am Montag erfahren, dass gestreikt wird. Ihre Kita ist heute geschlossen. Die Einrichtung an der Salinenstraße ist als Not-Kita geöffnet. "Ich brauche den Kitaplatz dringend", sagt Baumann. So kurzfristig könne sie bei der Arbeit nicht frei machen.

Kommt der fünfjährige Fritz mit der ungewohnten Situation klar? "Ich bin gespannt, ob jemand da ist, den er kennt, und ob es klappt, oder ob ich später angerufen werde", sagt Baumann und lächelt dabei.

"Die Streikenden versuchen, ihre Interessen zu vertreten. Das ist ihr gutes Recht", sagt eine 32 Jahre alte Mutter, die gerade ihren zweijährigen Sohn in die Neckarsulmer Kita bringt. Es sei kein Problem gewesen, den Tag zu organisieren, "auch ohne Oma und Opa in der Nähe". Für ihren Jungen sei der Kitawechsel für einen Tag kein Problem. "Er ist sehr offen."

Kollegen helfen aus

Betroffen vom Streik ist auch Hana Blank. Die 43-Jährige steht am Hauptbahnhof in Heilbronn und telefoniert. Sie muss nach Neckargartach zur Arbeit. Wie sie dahin kommen soll, weiß sie nicht. Der Stadtbus, den sie normalerweise nimmt, fällt heute aus. "Mein Kollegin kommt und holt mich ab", sagt Blank.

Sie habe am Dienstag mitbekommen, dass die Gewerkschaft zum Streik aufgerufen hat, und informierte sich im Internet. Der Regionalbus aus ihrem Heimatort Flein fuhr wie angegeben, nur der Umstieg am Hauptbahnhof klappt nicht. Aushänge fehlen. "Und ich habe kein Internet hier", sagt Blank.

Ihr Verständnis für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst hält sich in Grenzen. "Ich bin ja nicht komplett dagegen", sagt Blank. "Aber sie bekommen sicher alle mehr als den Mindestlohn, es gibt andere Berufsgruppen, die es nötiger hätten."

Chaos in Stuttgart erwartet 

Bevor am Wochenende in Potsdam verhandelt wird, erreichen die Warnstreiks des öffentlichen Dienstes am Donnerstag wohl einen neuen Höhepunkt. Stuttgart droht ein großes Verkehrschaos, weil alle Bahnen und Busse der Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) und in Esslingen den ganzen Tag über stehen bleiben. Durchschnittlich zählt der SSB eigenen Angaben zufolge täglich 500.000 Fahrten.

Die Stuttgarter S-Bahn, die planmäßig fahren wird, rechnet mit zahlreichen zusätzlichen Fahrgästen. Weitere Züge könne man aber nicht einsetzen, da die Infrastruktur zu den Hauptverkehrszeiten bereits maximal ausgelastet sei, sagte ein Sprecher.