Unilever zieht auch das Profigeschäft aus Heilbronn ab

Heilbronn  Die Großverbrauchersparte Food Solutions soll vom Heilbronner Knorr-Standort nach Hamburg verlagert werden. Rund 80 Knorr-Mitarbeiter sind betroffen

Von Manfred Stockburger

1998 hatte Unilever sechs Millionen Euro in eine neue Schauküche investiert, die Chefmanship-Center getauft wurde. Sie wurde von Entwicklern und der Großverbrauchersparte gemeinsam genutzt. Bald werden beide Sparten weg sein. Foto: Archiv/Sawatzki

Der nächste Tiefschlag für den Heilbronner Knorr-Standort: Nachdem die Verlagerung der Forschungs- und Entwicklungsabteilung nach Holland mittlerweile besiegelt ist, müssen jetzt auch rund 80 Mitarbeiter der Großverbrauchersparte umziehen, wenn sie ihre Stellen behalten möchten: Am Mittwoch hat der Lebensmittelkonzern die Verlagerung weiter Teile des Bereichs Food Solutions in die Hamburger Deutschlandzentrale angekündigt.

Ein Unternehmenssprecher hat das Ansinnen der Heilbronner Stimme auf Anfrage bestätigt, ohne jedoch genaue Zahlen zu nennen. „Wir müssen erst in die Konsultationen mit dem Betriebsrat gehen“, sagte er. Das Unternehmen drückt aber gewaltig aufs Tempo: Man erhofft sich schließlich Synergieeffekte. Das Großkundengeschäft rücke nämlich immer näher an den Handelsbereich heran.

Hängepartie bis zum Schluss

Betriebsratschef Thilo Fischer hatte bis zuletzt gehofft, dass er auch die Mitarbeiter der Großverbrauchersparte unter das Dach des im Dezember nach einer bitteren Hängepartie verlängerten Standortsicherungsvertrags holen könnte. Daraus wird jetzt nichts. „Das ist niederschmetternd“, sagt Fischer. „Eine Katastrophe für den Standort und die betroffenen Mitarbeiter.“

Gekriselt hatte es in der einst als Knorr Caterplan bekannten Sparte in den vergangenen Jahren. Auch einen Personalabbau hatte es gegeben: 2014 stellte das Unternehmen den Vertrieb neu auf – das Konzept stieß beim Betriebsrat damals auf wenig Gegenliebe. Nach dem Abtritt von Geschäftsführer Klaus Ridderbusch im November und einem wirtschaftlich guten Start ins neue Jahr herrschte zuletzt wieder Optimismus in der Knorrstraße. Umso heftiger ist die Reaktion der Betroffenen.

Verlässlichkeit in Richtung null 

„Wir sind in diesem Konzern ja Hiobsbotschaften gewohnt“, sagt Fischer. Die vom Unternehmen genannten Gründe seien aber „mehr als fadenscheinig und betriebswirtschaftlich nicht nachvollziehbar“. Er vermutet, dass das Unternehmen damit in Hamburg geplante Einschnitte im Zusammenhang mit dem Verkauf des Margarinegeschäfts auf Kosten des Standorts Heilbronn umsetzen möchte. „Nur ein Bruchteil der Kollegen wird das persönliche Umfeld aufgeben, um einem Konzern zu folgen, dessen Verlässlichkeit in Richtung null geht“, ist der Betriebsratschef überzeugt. Damit werde Heilbronn zum Bauernopfer – der komplette Standort. „Weil damit das zweite Standbein fällt.“ Übrig bleiben damit nur noch die Suppenproduktion und das Logistikzentrum, für die der Betriebsrat und die Gewerkschaft NGG eine Standortsicherung bis Ende 2020 ausgehandelt hatten.

Lediglich die Telefonverkäufer der Großverbrauchersparte und das sogenannte Chefmanship-Center, in dem von hauseigenen Köchen Trainings und Kundenevents veranstaltet werden, sollen am angestammten Standort verbleiben. Im Rahmen der Übernahme von Knorr durch Unilever im Jahr 2000 war es ein wichtiges Zugeständnis an Heilbronn gewesen, dass die Verwaltung von Food Solutions nicht nach Hamburg verlagert wurde. 
Aktionäre  Fischer ist überzeugt, dass es dem Konzern darum geht, die Rendite auf Kosten langjähriger Mitarbeiter zu steigern – nach einem 2017 abgeschmetterten Übernahmeangebot des US-Konzerns Kraft Heinz steht das britisch-niederländische Unternehmen bei seinen Aktionären im Wort.

Der Standort Heilbronn sei nachweislich kostengünstiger, sagt Fischer, weshalb die Verlagerung wirtschaftlich keinen Sinn ergebe. „Aber bekanntlich ist einem das eigene Hemd ja näher.“

Firmengeschichte

Heilbronn ist die Keimzelle der weltweit bekannten Marke Knorr. 1838 gegründet, entwickelte sich das Unternehmen noch im 19. Jahrhundert zu einem der ersten Anbieter industriell gefertigter Lebensmittel. Seine Selbstständigkeit verlor das Unternehmen ab den 1920er Jahren auf Raten. 2000 kaufte Unilever schließlich den damaligen Knorr-Mutterkonzern Bestfoods, dessen Deutschlandzentrale in Heilbronn war. Zuletzt gab es am Standort noch 930 Arbeitsplätze, gut 200 fallen durch die Verlagerung der Entwickler bis nächstes Jahr weg.