Über 20 Blutkonserven retten das Gewaltopfer

Heilbronn  Im Prozess um versuchten Mord in der Hoover-Siedlung ging es am Mittwochvormittag um die medizinischen Folgen der Bluttat. Ärzte berichten vom Kampf um das Leben des Opfers, das am seidenen Faden hing.

Von Carsten Friese

Über 20 Blutkonserven retten das Gewaltopfer

Tatort der brutalen Tat: die Herbert-Hoover-Straße in Heilbronn. Der angeklagte frühere Partner der 37-jährigen Frau hörte gestern im Prozess relativ regungslos den dramatischen Schilderungen der Ärzte zu.

Foto: Archiv/Dirks

 

Die medizinische Dramatik der Situation, der dünne Faden, an dem das Leben des Gewaltopfers hing, wird im Prozess um versuchten Mord in der Hoover-Siedlung am Mittwoch vor dem Heilbronner Landgericht plastisch.

Mit vier Messerstichen hat der frühere Lebensgefährte einer 37-jährigen Frau laut Anklage im August 2017 auf offener Straße nach dem jähen Ende der Beziehung auf sein Opfer eingestochen. "Ihr Puls war nicht tastbar, sie hat auch nicht auf Schmerzreize reagiert. Die Herzfrequenz war mit 166 extrem schnell, die Patientin hatte offensichtlich ganz massiv Blut verloren", beschreibt der alarmierte Notarzt die Szenen am Tatort. Die Situation sei "mehr als kritisch gewesen", sagt der Mediziner, es habe höchste Lebensgefahr bestanden.

Heftige innere Verletzungen

In wenigen Minuten brachte der Rettungswagen die 37-Jährige ins Gesundbrunnen-Klinikum in den Schockraum, wo ein Spezialteam schon erste Vorbereitungen getroffen hatte. In Bauch und Flanke hatte der Täter gestochen, teilweise tiefe Wunden hinterlassen und innere Organe wie Niere, Milz und Magenwand verletzt. "Der Zustand der Patientin war äußerst kritisch", sagt auch der behandelnde Chirurg als Zeuge aus.

Der Kreislauf der Frau war auf kritischem Niveau, im Schockraum sei sie reanimiert worden. Es hätten viele Blutungen gestillt werden müssen. Eine Niere, die "unstillbar" blutete, mussten die Ärzte entfernen. Bis zu drei Stunden dauerte die OP, mehr als 20 Blutkonserven wurden der Patientin verabreicht. Zweieinhalb Wochen lag sie im künstlichen Koma, dann wachte sie bei den Spezialisten der Fachklinik Löwenstein nach einer kritischen Phase in der Beatmungsentwöhnung wieder auf.

"Wir wussten nicht, ob sie einen Hirnschaden davongetragen hat", berichtet ein Löwensteiner Arzt im Gericht. Die hohen Blutverluste, die Phase der Reanimation hätten dies zur Folge haben können. In der Physiotherapie habe die Patientin dann sehr gut mitgemacht und sei nach kurzer Zeit schon Treppen gelaufen.

"Sie hatte viele Schutzengel"

"Das Opfer hatte offenbar viele Schutzengel − und Sie und ihr Team waren einer davon", sprach Vorsitzender Richter Roland Kleinschroth den behandelnden Ärzten ein großes Lob aus.

Am Tattag hatte zudem ein Anwohner auf die Notschreie der Frau sofort reagiert, den Angreifer von hinten umklammert und vom Wagen der 37-Jährigen weggezogen. Der Täter hatte zuvor mit seinem Auto ihre Fahrerseite gerammt, dann die Fensterschreibe eingeschlagen und mit dem Messer auf sein Opfer eingestochen. Der Angeklagte (44) sagte aus, sich nur wie durch Nebel an den Tatablauf zu erinnern.

Am vergangenen Prozesstag hatte das Gericht einen Anwohner für sein Eingreifen besonders gelobt, weil er der Frau mutmaßlich das Leben gerettet hatte. Der Mann war nach ihren lauten Schreien zu dem Wagen gerannt, hatte den Angreifer von hinten gepackt und weggezogen.

 

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