Provokateure und Trolle müssen draußen bleiben

Der Umgangston in Internetforen ist mitunter rau. Es wird beschimpft, gemobbt, geflucht. Unser Redakteur Jens Dierolf hat sich mit dem Professor Oliver Zöllner von der Hochschule der Medien in Stuttgart über Trolle und Querulanten im Netz unterhalten.

Provokateure und Trolle müssen draußen bleiben

Oliver Zöllner ist Professor der Hochschule der Medien Stuttgart.

Foto: privat

Heilbronn/Stuttgart - Der Umgangston in Internetforen ist mitunter rau. Es wird beschimpft, beleidigt, gemobbt, geflucht. Als Trolle werden Gesprächsteilnehmer im Netzjargon bezeichnet, die mit ihren Pöbeleien jede sachliche Debatte behindern. Unser Redakteur Jens Dierolf hat sich mit dem Professor Oliver Zöllner von der Hochschule der Medien in Stuttgart über Trolle und Querulanten im Netz unterhalten.

Wer steckt denn überhaupt hinter den Pöbeleien im Internet?

Oliver Zöllner: Das ist schwierig zu sagen. In der Wissenschaft gibt es erst ein paar Aufsätze, die sich mit dem Phänomen beschäftigen. Klar ist, dass es eher geltungssüchtige Menschen sind, die viel Zeit haben, um sich in den Chaträumen oder Foren aufzuhalten. Ihre Motivation ist eindeutig: Sie wollen andere Menschen provozieren und im Internet das völlig enthemmt ausleben, was sie im Alltag nicht ausleben können.

Lässt sich über die Personen etwas sagen? Wie alt sind sie? Sind es eher Männer oder Frauen?

Zöllner: Das sind alles Mutmaßungen. Die Menschen suchen ja ganz gezielt den vermeintlichen Schutz der Anonymität. Sie wollen ja nicht, dass man weiß, wer hinter ihren Verbalattacken steckt.

Welche Kanäle gab es für die Personen, ihren Frust abzubauen, als es noch gar kein Internet gab?

Zöllner: Naja, es gab natürlich immer die Art von − wenn man so will − Querulanten, die beleidigende Briefe an Politiker geschrieben, oder unflätige Leserbriefe verfasst haben. Nur früher hatten die Journalisten den Daumen drauf und konnten entscheiden, was veröffentlicht wird. In Foren, wenn sie nicht redaktionell betreut werden, fehlt die Schranke.

Opfer von Beschimpfungen sind häufig Politiker, denen generell dunkle Machenschaften unterstellt werden. Solche Aussagen treffen oft auf starke Zustimmung. Warum?

Zöllner: Wie verbreitet diese Argumentation ist, kann ich nicht sagen. Sie zeugt aber von einem seltsamen Demokratieverständnis. Oft steckt wohl die Sehnsucht nach einfachen Lösungen dahinter. Dass Politik auch die Suche nach Kompromissen und einem Interessenausgleich sein muss, wird dabei ignoriert.

Es gab in jüngster Zeit Selbstmorde nach Online-Mobbing. Warum ist vielen Nutzern offenbar nicht bewusst, was sie anrichten?

Zöllner: Das hat wieder mit der scheinbaren Anonymität des Internet zu tun. Es sind ja oft sehr selbstbezogene Menschen, die im realen Leben niemandem Schaden zufügen möchten. Im Netz sehen sie aber gar nicht, was sie anrichten.

Immer mehr Online-Medien veröffentlichen Beiträge, nachdem geprüft wurde, ob sie gegen den Verhaltenskodex verstoßen. Ist das ein Trend?

Zöllner: Größere seriöse Portale und Online-Zeitungen setzen verstärkt Personal ein, um beleidigende Beiträge zu löschen oder vorab zu lesen. Trotzdem gibt es ja Tausende Foren, die nicht kontrolliert werden, wo Trolle dann ein freies Spiel haben und Diskussionen zerstören können. Wenn ich mir bestimmte Foren anschaue, erkenne ich immer wieder bestimmte Nutzer-Kürzel, die immer wieder etwas Provozierendes oder Beleidigendes von sich geben. Da kommt bei mir der Eindruck auf, dass auch die Seitenbetreiber Personen abgestellt haben, die für eine gewisse Erregung oder Skandalisierung sorgen. Professionelle Trolle sollen wohl die Nutzdauer und die Klickzahlen nach oben treiben. Von den Anbietern steckt ja auch ein ökonomisches Interesse dahinter.

Das heißt, die Provokationen regen Internetnutzer eher an, als dass sie sie abschrecken?

Zöllner: Ich glaube, das ist offensichtlich. Natürlich gibt es auch viele seriösere Foren, in denen sehr sachlich diskutiert wird. Aber auf ganz vielen Plattformen geht es um Nichtigkeiten, um einen Zeitvertreib für die Internetnutzer. Und da lässt sich der Unterhaltungswert auch mit Provokationen steigern.

Was raten Sie seriösen Administratoren, die versuchen, Diskussionen in fruchtbare Bahnen zu lenken?

Zöllner: Man kann nur dazu raten, Trolle draußen zu halten und sie zu blockieren oder sie konsequent zu ignorieren. Alles andere gießt nur Öl ins Feuer, das man an der Stelle nicht haben möchte.

Aber so setzt man sich auch dem Vorwurf der Zensur aus.

Zöllner: Zensur ist natürlich ein böses Wort. Aber früher hat man sich ja auch nicht darüber aufgeregt, dass ein Leserbrief für eine Tageszeitung, der sehr stark neben der Spur ist, nicht abgedruckt wird. Es gibt kein Grundrecht darauf, dass jedes Posting veröffentlicht wird. Eine redaktionelle Auswahl ist für eine Tageszeitung angemessen. Es sollte aber klare Regeln für die Nutzer geben, damit diese verstehen, welche Form sie wahren müssen. Bei der Auswahl der Nachrichten ist es doch ähnlich. Es gehört zur journalistischen Arbeit, Brauchbares auszuwählen. Es wäre ja das Gegenteil von Journalismus, alles zu veröffentlichen, was User, Agenturen, Pressestellen oder Leserbriefschreiber von sich geben.

 

 

Wir haben diverse Troll-Typen charakterisiert. Hier unser Überblick:

  • Der Beleidiger: Er liebt es, andere Forumsteilnehmer zu beschimpfen. „DAS MEINEN SIE XXX DOCH NICHT ERNST???!!!!!!“ wäre eine noch sehr moderate Formulierung.

  • Die Schallplatte: Er wiederholt ständig dieselbe Leier. Egal um welches Thema sich eine Debatte dreht, die Beiträge haben (fast) alle dieselbe Aussage. Häufig wird gegen Sündenböcke gepoltert: Ausländer, die Medien, Politiker.

  • Rechtschreib-Schlaumeier: Ein Kommafehler in einem Forum-Beitrag genügt, um den Schreiber unflätig anzugreifen. Motto: Wer die Orthographie nicht beherrscht, kann auch von einem Thema keine Ahnung haben.

  • Der Welterklärer: Egal, um welches Thema es geht, er weiß Bescheid. Alle Anderen sind faul, weltfremd, haben keine Ahnung und wissen nicht, wie es im harten (Berufs-) Alltag zugeht. Lieblingsausdruck: „sesselpupsende Beamte“.

  • Der Besserwisser: Zu jeder Diskussion hat er eine fragwürdige Studie oder einen Artikel bereit, auf die er verlinkt. Leider haben die verlinkten Beiträge oft wenig mit den diskutierten Themen zu tun.

  • Verschwörungstheoretiker: Er hat einen missionarischen Drang, der Welt die Augen zu öffnen. Ihr Weltbild ist denkbar einfach: Politik und Medien lügen, nur sie selbst kennen die Wahrheit. Andere Forumteilnehmer sind naiv.

  • Der Überflüssige: Meldet sich gerne mit seinem Lieblingssatz zu Wort: „Gibt es nichts Wichtigeres zu berichten?“ Trotzdem scheint er mit Vorliebe Boulevardthemen zu lesen.