Preiskrieg auf dem Fitnessmarkt (02.09.2010)

Von Helmut Buchholz

Fitnessmarkt Klassiker: Die Tischtennis-Abteilung gehört zu den angestammten Sparten eines Sportvereins wie der TG Böckingen. Moderne: Sportvereine wie die TSG Sontheim und auch die TG Böckingen reagieren mit ähnlichen Angeboten wie Fitnessstudios auf veränderte Kundenwünsche.


Heilbronn - Der Heilbronner Traditionsverein Turngemeinde Böckingen muss mit seinem geplanten Sportzentrum auf der Schanz massiv Kunden von Fitnessstudios abwerben. Sonst ist sein Drei-Millionen-Euro-Zukunftsprojekt wirtschaftlich nicht überlebensfähig. Das ist das Ergebnis eines Gutachtens, das der Württembergische Landessportbund (WLSB) in Auftrag gegeben hat. Die Fitnessstudio-Konkurrenz im Heilbronner Raum begegnet den Böckinger Plänen mit Argwohn. Der Preiskrieg im Unterland sei ohnehin schon brutal.

Anonyme Tester

Für den TG-Vorsitzenden Herbert Tabler ist das WLSB-Gutachten ein wichtiger Schritt. „Man traut uns zu, dass wir das packen können.“ Anonyme Testkunden haben für die WLSB-Studie 29 Fitnessstudios und ähnliche Anbieter besucht und herausgefunden: In Heilbronn gibt es zwar eine große Anzahl von Konkurrenten, deren Preisspanne enorm ist. Sie reicht von 18,48 bis 86,60 Euro Mitgliedsbeitrag pro Monat. Dennoch entdeckten die Gutachter eine Marktlücke für die TG und ihr Sportzentrum im mittleren Preissegment. Voraussetzung sei, dass der Verein, der seine 2300 Mitglieder bisher aus der näheren Umgebung rekrutiert, sich „auch außerhalb seines direkten Umfeldes mit Marketingmaßnahmen positioniert“.

In einer ersten Phase muss das Sportzentrum zusätzlich 800 neue Mitglieder gewinnen, um sich wirtschaftlich zu tragen. 60 Prozent dieser Neukunden sollen von der Konkurrenz abspringen, 30 Prozent neu geworben werden. Vereinsvorsitzender Tabler kreist das Einzugsgebiet des Sportzentrums mit einem Radius von acht bis zehn Kilometer um den Standort Böckinger Schanz ein. Er denkt bei den Neukunden vor allem an „Leute ab 40, die gesünder leben wollen“. Klar sei auch, dass der Verein sich professionalisieren müsse. Er hat keine Bedenken, dass sich die TG Böckingen mit diesen Zahlen zu viel aufbürdet. „Bei anderen Vereinen hat das ja auch geklappt.“ Spätestens zum Vereinsjubiläum 2015, wenn die TG 125 Jahre alt wird, soll das Sportzentrum mit Sauna und Wellnessbereich öffnen.

Enorme Tarifspanne

Obwohl Tabler versichert, nicht direkt bei der TSG in Sontheim auf Kundenfang gehen zu wollen, nimmt der größte Heilbronner Sportverein den neuen Mitbewerber in seinem Terrain ernst. „Man sollte nicht drumherum reden, mit dem TG-Sportzentrum wird die Konkurrenzsituation noch schwieriger“, sagt TSG-Geschäftsführer Manfred Glaser. „Die Preisspannen sind jetzt schon enorm.“ Hursut Kara, Chef des privaten Fitnessstudios Sportivo in Heilbronn-Frankenbach nennt die Konkurrenzsituation in Heilbronn „brutal“. Die Anzahl der Mitbewerber habe sich in den vergangenen acht Jahren verdoppelt, „die Einwohnerzahl aber nicht“. Ihn ärgere, dass der Verein teilweise mit Steuergeldern das Projekt finanziere und sich mit einer vereinsspezifischen Besteuerung einen Wettbewerbsvorteil verschaffe.

Kara fragt, ob sich die TG auf dem „übersättigten Markt“ mit dem Sportzentrum einen Gefallen tue. „Es gibt viele Fitnessstudios, die schon tot sind und nicht mehr investieren können.“

Auch Wolfgang Klauke, Pressesprecher der Kette Fitness First mit einem Studio in der Heilbronner Etzelstraße, nennt die Wettbewerbssituation „bedrohlich“. Er sehe jedoch der Konkurrenz durch die TG „gelassen“ entgegen. Fitness First habe durch seine schiere Masse mit mehr als 100 Studios in Deutschland einen Vorteil am Markt.


Hintergrund: Andere Vereinspläne

Auch die Sportunion in Neckarsulm plant ein Bewegungszentrum. „Allerdings suchen wir keine Kunden in Heilbronn“, versichert Vereinsvorsitzender Rolf Härdtner, „sondern in erster Linie unter unseren Mitgliedern.“ Zielgruppe seien vor allem Kinder und „Leute in meinem Alter“, erklärt der 67-Jährige. Wenn nur 20 Prozent der Mitglieder mitmachen, „dann funktioniert es“. In Weinsberg scheiterten ähnliche Pläne von Stadt und TSV im Frühjahr, weil die Sponsoren absprangen. mut




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